Skip to main content

Full text of "Brunos Liber de bello Saxonico im Lichte mittelalterlicher Zeitanschauugen"

See other formats


=  00 

100 
■O 

ico 


^t-uno  of  M(idäei)U>'a 


•CD 


a;  Brunos  über  de  hello 

Saxonico 

im  Lichte  mittelalterlicher 
Zeitanschauungen. 


Inaugural-Dissertation 

zur 

Erlangung  der  Doktorwürde 

der  Philosophischen  Fakultät 
der  Königlichen  Universität  Qreifswald 

vorgelegt 
von 

Karl  Nowatzki. 


OCT101922 


DD 

H^^^^^^^^B 

143 

\.,^ 

B7836 

Anklam                       A 

1917 

Druck  von  Rieh.  Poettcke  Nachf. 

c.  1 

1917. 

ROBA 

Gedruckt  mit  Genehmigung  der  Philosophisciien  Fakultät 
der  Universität  Greifswald. 


Dekan:  Prof.  D.  theol.  Dr.  H.  Schwarz. 
Referent:   Geh.  Reg.-Rat  Prof.  Dr.  E.  Bernheim. 


Tag  der  mündlichen  Prüfung:   10.  Mai   1917. 


Dem  Andenken 
meines  Vaters  und  meiner  Mutter. 


Inhalt: 

Seite 

Einleitung 1 — 3 

1.  Allgemeine  Anschauungen  der  Zeit 

1)  Die  Augustinische  Geschichtsauffassung      .     .       4 — 6 

2)  Die  Antichrist-Erwartungen   und  die  Sibyllini- 

schen  Prophezeihungen 6 — 7 

II.  Die  Anschauungen  Brunos 8 — 42 

III.  Die  Auffassung  in  den  Reden 43 — 47 

IV.  Die  Auffassung  in  den  Briefen 48^56 

Schluß 57 


Einleitung. 


Im  Jahre  1082  verfaßte  Bruno,  der  anfangs  der  Magde- 
burger Domgeistlichkeit  angehörte,  sein  Werk  „De  bello 
Saxonico"  und  widmete  es  dem  Bischof  Werinher  von  Merse- 
burg, zu  dem  er  sich  nach  dem  Tode  des  gleichnamigen  Erz- 
bischofs von  Magdeburg  begeben  hatte/)  Da  keine  andere 
Quelle  die  sächsischen  Ereignisse,  vor  allem  die  Stellung  der 
Sachsen  zu  Heinrich,  so  ausführlich  bringt  wie  diese,  ist  sie 
oft  Gegenstand  der  Untersuchung-')  gewesen.  Wenngleich 
neuerdings  die  Einseitigkeit  Brunos  in  der  Beurteilung  Hein- 
richs und  in  den  Erzählungen  von  dessen  Tun  und  Treiben 
kaum  von  jemand  verkannt  ist,  so  hat  sich  die  Kritik  doch 
immer  noch  recht  verschieden  zu  seinem  Werk  gestellt.  So 
hat  Brunos  Darstellung  bei  Gfrörer'')  eine  günstige  Beurteilung 
gefunden,  und  durch  einen  Vergleich  mit  den  Annalen  Lam- 
berts von  Hersfeld  versucht  sie  R.  Dewitz*)  in  vielen  Punkten 
als  glaubwürdig  hinzustellen.  Zufolge  der  letzten  Kritik  der 
Geschichtschreibung  Lamberts  von  Hersfeld^)  durch  Holder- 
Egger,  wodurch  auch  einzelne  Abschnitte  aus  Brunos  „Ge- 
schichte   des    sächsischen    Krieges"    an    Wertschätzung    ge- 


')  W.  Wattenbach,  Deutschlands  Geschichtsquellen  im  Mittelalter,  6. 
Aufl.,  Berlin   1894,  Bd.  II,  p.  86-88. 

Derselbe:  Geschichtschreiber  der  deutschen  Vorzeit.  Der  Sachsen- 
krieg von  Bruno  2.  Aufl.,  Leipzig    1888,  Bd.  45,  p.   II  sqq. 

-)  J.  May,  Über  Brunos  Schrift  vom  Sachsenkrieg  in  Forschungen 
zur  deutschen  Geschichte.     Bd.  XXIV,  341  sqq. 

W.  von  Giesebrecht,  Geschichte  der  deutschen  Kaiserzeit,  5.  Aufl., 
Leipzig  1890,  Bd.  III,  p.  1051. 

•'•)  A.  F.  Gfrörer,  Papst  Gregorius  VII.  und  sein  Zeitalter,  Schaff- 
hausen 1859,  Bd.  II,  p.   102  u.   103. 

•*)  R.  Dewitz,  Würdigung  von  Brunos  „Liber  de  belle  Saxonico"  im  Ver- 
gleich niitden  Annalen  Lamberts  v. Hersfeld, OffenburgerSchulprogramm  1881 . 

^)  Georg  Meyer  von  Knonau,  Jahrbücher  des  deutschen  Reiches 
unter  Heinrich  IV.  und  V.     Leipzig  1894,  Bd.  II,  794. 

K.  Nowatzki.  Brunos  Über  de  bello  Sa.xonico.  1 


—     2 


wannen,  hat  sie  Meyer  von  Knonau'),  der  diese  Epoche  zu- 
letzt behandelte,  als  Quelle  für  sein  Werk  vielfach  benutzt. 
Dagegen  bezeichnet  sie  Stenzel"-)  lediglich  als  eine  Partei- 
schrift, und  ihm  schließt  sich  auch  Ranke'')  an,  wenn  er  sagt: 
„Sie  ist  ein  Manifest  der  Partei".  Martens  geht  noch  weiter; 
er  will  von  Bruno  überhaupt  nichts  wissen:  „Bruno  ist  ein 
Lügner  ersten  Ranges."*)  Ferner  haben  Floto^)  und  May") 
ihm  bewußte  Unwahrheit  zugeschrieben,  „ . . .  daß  er  (Bruno) 
aus  Haß  und  Bosheit  gegen  den  König  ausdrücklich  wider 
besseres  Wissen  die  Unwahrheit  sagt,"  und  „dem 
Priester  Bruno . . .  ist  kaum  eine  Beschuldigung  wider  den 
König  zu  giftig,  kaum  eine  Lüge  zu  unsinnig,  als  daß  er  sie 
nicht  mit  Freuden  aufzeichnete."  (Floto.)  Ganz  ähnlich  May, 
wenn  er  schreibt,  daß  sie  ..eine  Parteischrift  ist,  insofern 
Bruno  bewußt  falsche  Tatsachen  berichtet,  andere,  deren 
Richtigkeit  oder  Unrichtigkeit  er  sehr  wohl  zu  beurteilen  in 
der  Lage  war.  wissentlich  entstellt.. .") 

Nicht  ein  Manifest  der  Partei  will  uns  Bruno  geben,  son- 
dern er  hat  die  feste  Absicht,  die  Geschichte  des  säch- 
sischen Krieges  der  Wahrheit  gemäß  niederzuschreiben.'^) 
Und  nicht  arbeitet  der  Autor,  wenn  er  auch  Parteimann  ist, 
mit  bewußter  Lüge  in  seinem  Werke,  sondern,  soweit  er  uns 
Tatsachen  berichtet,  die  wir  für  entstellte  oder  unglaubhafte 
halten  müssen,  darf  man  ihm  nicht  ohne  weiteres  die  bona 
fides  absprechen;  denn  zufolge  seiner  Grundanschauungen 
erblickt  er,  wie  wir  sehen  werden,  in  seiner  Gegenpartei  die 
Anhänger  des  Teufels  und  traut  ihnen  infolgedessen  alle 
Schandtaten  zu.     Diesen   Gesichtspunkt  haben   die   modernen 


M  Meyer  von  Knonaii,  loc.  cit.,  Bd.  III,  p.  4.31. 

-)  Q.  Stenzel,  Geschichte  Deutschlands  unt6r  den  fränkischen  Kaisern, 
Leipzig  1828,  Bd    II,  p.  55—67. 

■')  L.  V.  Ranke,  Zur  Kritik  fränkisch -deutscher  Reichsannalisten  in: 
Sämtliche  Werke,  Bd.  51—52,  p.   126  sqq. 

•)  W.  Martens,  Gregor  Vll.,  sein  Leben  und  Wirken,  Leipzig  1894, 
Bd    II,  p.   155. 

■';  Hartwig  Floto,  Kaiser  Heinrich  VI.  und  sein  Zeitalter,  Stuttgart 
und  Hamburg  1856,  Bd.  I  u.  II;  hier  Bd.  I,  p.  322  u.  381. 

ö)  May,  loc.  cit.,  p.  343. 

')  Igitur  bellum  quod  Heinricus  rex  cum  Saxonibus  egit,  volo  breviter 
et  veraciter  scribere,  sicut  ab  his,  qui  rebus  intererant,  potui  cognoscere 
(im  Proloe). 


—    3 


Historiker  hei  all  den  Bruno-Forschungen  und  kritischen  Unter- 
suchungen nicht  berücksichtigt  und  sind  an  den  Grundan- 
schauungen jener  Zeit  achtlos  vorübergegangen.  Erst  Werder- 
mann') hat  in  seiner  Dissertation  über  Heinrich  IV.,  die  auf 
Anregung  Bernheims  entstanden  ist,  die  Quellen  der  Zeit  auf 
jene  Momente  hin  geprüft  und  dabei  auch  das  Werk  Brunos 
gestreift.  Bernheim-)  hat  im  allgemeinen  darauf  hingewiesen, 
wie  wichtig  zur  Beurteilung  einer  Geschichtsquelle  die  „Inter- 
pretation aus  den  jeweiligen  Zeitanschauungen  und  -Begriffen" 
ist.  Jedes  Herausreißen  widerspricht  dem  Geist  der  Geschichte 
als  Wissenschaft  und  kann  nur  zu  falschen  Resultaten  führen. 
Erst  wenn  wir  den  Zeitgeist  Brunos,  der  ganz  und  gar  auf 
dem  Boden  der  augustinisch-eschatologischen  Ideen  fußt, 
richtig  erfaßt  haben,  werden  wir  auch  sein  Werk  verstehen 
und  es  dementsprechend  würdigen  können. 


')  Gottfried  Werdermann,  Heinrich  IV.,  seine  Anhänger  und  seine 
Gegner  im  Lichte  der  augustinischen  und  eschatologischen  Geschichts- 
auffassung des  Mittelalters.     Dissert.  Greifswald   1913. 

-)  E.  Bernheim,  Lehrbuch  der  historischen  Methode  und  der  üeschichts- 
philosophie,  5  6.  Aufig.  Leipzig  1908,  p.  656  sqq. 

Derselbe:  Politische  Begriffe  des  Mittelalters  im  Lichte  der  An- 
schauungen Augustins;  deutsche  Zeitschrift  für  Geschichtswissenschaft, 
189t)  97.     Neue  Folge  Vierteljahrsheft  1. 

Derselbe:  Der  Charakter  Ottos  von  Freising  und  seiner  Werke, 
Mitteilung  des  Instituts  für  Oestr.  Geschichtsforschung,  Bd.  VI.  1885. 
Außer  der  angeführten  Dissertation  von  G.  Werdermann  haben  zahlreiche 
von  Bernheim  angeregte  Untersuchungen  gezeigt,  wie  wichtig  die  Kenntnis 
der  Grundaiischaungen  für  die  mittelalterliche  Vorstellungswelt  ist,  so: 

Karl  Grund,  Die  Anschauungen  des  Rodulfus  Glaber  in  seinen  Historien. 
Dissert.  Greifswald   1910. 

H.  Sielaff,  Studien  über  Gregor  VII.  Gesinnung  und  Verhalten  gegen 
Heinrich  VI.  in  den  Jahren  1073—1080.     Dissert.  Greifswald  1910. 

R.  Hammler,  Gregor  VII.  Stellung  zu  Frieden  und  Krieg  im  Rahmen 
seiner  Gesamtanschauung.     Dissert.  Greifswald   1912. 

J.  Lange,  Das  Staatensystem  Gregors  VII.  auf  Grund  des  augusti- 
nischen Begriffs  der  libertas  ecclesiae.     Dissert.  Greifswald  1915. 

G.  BagemihI,  Otto  II.  und  seine  Zeit  im  Lichte  mittelalterlicher 
Geschichtsauffassung.     Dissert.  Greifswald  1913. 

F.  Radcke,  Die  eschatologischen  Anschauungen  Bernhards  von 
Clairvaux.     Dissert.  Greifswald   1915. 

K.  Gold,  Hinheitliche  Anschauung  und  Abfassung  der  Chronik  Ekke- 
hards  von  Aura  nachgewiesen  auf  Grund  der  Zeitanschauungen.  Dissert. 
Greifswald   1916. 


I.  Allgemeine  Anschauungen  der  Zeit. 

1.   Die  augustinische  Geschichtsauffassung. 

In  seinem  Werke  „22  Bücher  von  Gottesstaat"  hat  der 
große  Kirchenvater  seine  Anschauungen,  die  das  ganze  Mittel- 
alter in  ihrem  Bannkreis  hielten  und  durch  die  „Moralia"  des 
Papstes  Gregor  des  Großen  und  hinsichtlich  einzelner  Haupt- 
punkte durch  die  Schrift  „De  duodecim  abusivis  saeculi" 
des  Pseudo-CyprianusO  besonders  verbreitet  wurden,  nieder- 
gelegt.-) Er  unterscheidet  zwei  Reiche,  die  sich  gegenüber- 
stehen im  Himmel  und  auf  Erden:  die  civitas  Dei  oder  das 
Reich  der  Guten  und  die  civitas  diaboli  oder  das  Reich  der 
Bösen.  Überirdisch  ist  das  Teufelsreich  durch  den  Abfall  der 
bösen  Engel  in  die  Erscheinung  getreten,  und  auf  Erden  ist  es 
durch  den  ersten  Sündenfall  der  Stammeltern  begründet.  In 
den  heidnischen  Staaten  gewinnt  der  Teufel  das  Übergewicht; 
da  kommt  Christus,  und  durch  sein  Erlösungswerk  wird  die 
ecclesia  als  ein  neues  Gottesreich  auf  Erden  geschaffen. 

Die  ,pax"  ist  das  Kennzeichen  der  civitas  Dei  „der  Zu- 
stand inneren  und  äußeren  Gleichgewichts,  in  dem  sich  alles 
Geschaffene,  sofern  es  in  seiner  ursprünglich  gut  erschaffenen 
Natur  verharrt,  an  seiner  Stelle  in  den  Kosmos  einfügt  und  so 
an  dem  höchsten  Gute,  an  der  Einheit  des  Seins  in  Gott,  in 
unbedingter  Ein-  und  Unterordnung,  teilnimmt."^)  Dieses 
Gleichgewicht  soll  der  christliche  Staat  erhalten,  daher  ist  es 
seine  hohe  Aufgabe,  die   Bürger  zur  iustitia  und  oboedientia 


M  Der  Verfasser  dieser  Schrift  ist  nicht  bekannt,  und  da  sie  früher 
Cyprian  zugeschrieben  wurde,  so  wird  sie  unter  dem  Namen  Pseudo- 
Cyprian  weitergeführt. 

'^)  Diese  Ausführungen  fußen  auf  der  schon  angeführten  Abhandlung 
von  E.  Bernheim :  Politische  Begriffe  des  Mittelalters,  loc.  cit. 

3)  Bernheim,  ibid. 


—    5 


zu  erziehen,  und  dies  kann  er  nur  dann  erreichen,  wenn  sich 
geistHche  und  weltHche  Obrigkeit  selbst  den  göttHchen  Ge- 
setzen unterordnet,  wenn  der  Herrscher  ein  rex  iustus  ist. 
Freilich,  auch  die  Kinder  des  Teufels  wollen  einen  Frieden 
unter  sich  haben;  doch  dieser  Frieden  ist  nur  ein  Schein- 
frieden, species  pacis,  ein  falscher  Frieden,  der  nur  irdischer 
Motive  wegen  erstrebt  wird,  den  zu  stören  geradezu  Pflicht 
des  christlichen  Herrschers  ist,  um  die  pax  vera,  den  wahren 
Frieden,  herzustellen.  Superbia,  amor  sui,  iniustitia,  in- 
oboedientia  sind  die  Kriterien  der  civitas  diaboli  und  ihres 
Herrschers,  des  tyrannus,  des  rex  iniquus. 

Recht  charakteristisch  hat  uns  Pseudo-Cyprian  im  Gegen- 
satz zum  rex  iustus  ein  Bild  von  dem  rex  iniquus  in  der 
9.  abusio  der  oben  genannten  Schrift  entworfen,  die  ich  im 
folgenden  anführe,  weil  Bruno  in  Heinrich,  wie  wir  in  seinem 
Werke  sehen  werden,  ganz  markant  den  augustinisch-pseudo- 
cyprianischen  rex  iniquus  erblickt  und  hervortreten  läßt. 

Nonus  abusionis  gradus  est  rex  iniquus.^)  Quem  cum 
iniquorum  correctorem  esse  oportuit,  licet  in  semet  ipso  no- 
minis  sui  dignitatem  non  custodit.  Nomen  enim  regis  intellec- 
tualiter  hoc  retinet,  ut  subiectis  omnibus  rectoris  officium  pro- 
curet.  Sed  qualiter  alios  corrigere  poterit,  qui  proprios  mores, 
ne  iniqui  sint,  non  corrigit?  quoniam  in  iustitia  regis  exaltatur 
solium  et  in  veritate  solidantur  gubernacula  populorum.  Justitia 
vcro  regis  est,  neminem  iniuste  per  potentiam  opprimere, 
sine  acceptione  personarum  inter  virum  et  proximum  suum 
iudicare,  advenis  et  pupillis  et  viduis  defensorem  esse,  furta 
cohibere,  adulteria  punire,  iniquos  non  exaltare.  impudicos  et 
striones  non  nutrire,  impios  de  terra  perdere,  parricidas  et 
periurantes  vivere  non  sinere,  ecclesias  defendere.  pauperes 
cleemosynis  alere,  iustos  super  regni  negotia  constituerc, 
senes  et  sapientes  et  sobrios  consiliarios  habere,  magorum  et 
hariolorum  et  pythonissarum  superstitionibus  non  intendere, 
iracundiam  differe,  patriam  fortiter  et  iuste  contra  adver- 
sarios  defendere,  per  omnia  in  Deo  confidere,  prosperitatibus 
aminum  non  levare,  cuncta  adversaria  patienter  ferre,  fidem 

')  Sicgniund  Hellmann,  Pseudo-Cyprianiis,  de  XII.  abiisivis  saeculi. 
(Texte  und  Untersuchungen  zur  Geschichte  der  altchristlichen  Literatur, 
herausgegeben  von  Adolf  Harnack  und  Karl  Schmidt,  Bd.  IV,  p.  51  sqq.) 


6    — 


catholicam  in  Dcum  habere,  filios  suos  non  sinere  impie  agerc, 
certis  horis  orationibus  insistere,  ante  horas  congruas  non 
gustare  cibum.  Vae  enim  terrae,  cuius  rex  est  puer,  et  cuius 
principes  mane  coniedunt.  Haec  regni  prosperitatem  in  prae- 
senti  faciunt  et  regem  ad  caelestia  regna  meliora  perducunt. 
(.)iii  vero  regnum  secundiim  hanc  legem  non  dispensat,  multos 
nimirum  adversitates  imperii  tolerat.  Idcirco  enim  saepe  pax 
populorum  rumpitur  et  offendicula  etiam  de  regno  suscitantur, 
terrarum  quoque  fructus  diminuuntur  et  servitia  populorum 
itraepediuntur,  multi  c!  varii  dolores  prosperitatem.  regni 
inticiunt,  carorum  et  liberorum  mortes  tristitiam  conferunt, 
hostium  incursus  provincias  undique  vastant,  bestiae  ar- 
mentorum  et  pecorum  greges  dilacerant,  tempestates  aeris 
et  hemisperia  turbata  terrarum  fecunditatem  et  maris  mini- 
steria  prohibent  et  aliquando  fulminum  ictus  segetes  et  arborum 
fores  et  pampinos  exurunt.  Super  omnia  vero  regis  iniustitia 
non  solum  praesentis  imperii  faciem  fuscat,  sed  etiam  filios 
suos  ct.nepotes,  ne  post  se  regni  hereditatem  teneant,  obscurat. 
Propter  piaculum  enim  Salomonis  regnum  domus  Israhel  Do- 
minus de  manibus  filiorum  eius  dispersit  et  propter  iustitiam 
David  regis  lucernam  de  semine  eius  semper  in  Hierusalem 
reliquit.  Ecce  quantum  iustitia  regis  saeculo  valet,  intuentibus 
perspicue  patet.  Pax  populorum  est  tutarncn  patriae,  munitas 
plebis,  munimentum  gentis,  cura  languorum.  gaudium  homi- 
num,  tempcries  aeris,  serenitas  maris,  terrae  fecunditas,  so- 
latium  pauperum.  hereditas  filiorum  et  sibimet  ipsi  spes  fu- 
turae  beatitudinis.  Attamen  sciat  rex  quod  sicut  in  throno 
hominum  primus  constitutus  est,  sie  et  in  poenis.  si  iustitiam 
non  fecerit,  primatum  habiturus  est.  Omnes  namque  quos- 
cumque  peccatores  sub  se  in  praescnti  habuit.  supra  se  modo 
plagali  in  illa  futura  poena  habebit." 

2.  Die  Antichrist-Erwartungen  und  die  sibyllinischen 
Prophezeiungen. 

Mit  der  Theorie    des  Kirchenvaters    vereinigen   sich  die 
eschatologischen    Antichrist-Erwartungen')    und    die    sibyllini- 


1)  Nach  W.  Bousset,  Der  Antichrist  in  der  Überlieferung  des  Juden- 
tums, des  neuen  Testaments  und  der  alten  Kirche,  Göttingen  1895. 


7     — 


sehen  Prophezeiungen  zu  einem  Ideenkreis.  Das  ganze  Mittel- 
alter glaubte  an  das  bevorstehende  Weltende,  dem  nach  der 
Prophetie  der  heiligen  Schrift  das  Erscheinen  des  Antichrists 
vorangehen  sollte.  Verbreitet  wurden  diese  Ansichten  durch 
die  Schriften  der  Kirchenväter  und  durch  zahlreiche  Kommen- 
tare zur  Johannes-Apokalypse.  Man  erwartete  ihn  unter  man- 
cherlei Gestalten,  entweder  als  einen  Menschen  in  seiner  ge- 
fährlichsten Art,  in  der  eines  frommen  Heuchlers  „sub  specie 
religionis",  umgeben  von  einer  Schar  von  Dämonen,  wodurch 
er  selbst  die  Frommen  zum  Abfall  bringt  oder  als  ein  rein 
geistiges  Wesen,  als  den  Inbegriff  alles  irdischen  Übels. 
Krieg,  Streit  unter  den  Verwandten,  Hungersnot,  Pest,  Erd- 
beben, mannigfache  Himmels-  und  Wettererscheinungen,  Un- 
glücksfälle aller  Art  sollen  ihm  vorangehen.  Machten  sich  nun 
diese  Vorzeichen  unter  der  Regierung  eines  Herrschers  mehr 
oder  weniger  stark  bemerkbar,  so  hielt  man  ihn  leicht  für  den 
Antichristen  oder  den  Vorläufer  desselben,  jedenfalls  für  ein 
membrum  diaboli,  und  seine  Herrschaft  stand  im  Zeichen  der 
tyrannis. 

Die  sibyllinischen  Prophezeiungen  spielen  im  allge- 
meinen auch  eine  bedeutende  Rolle  in  der  mittelalterlichen 
Auffassung  der  Herrscherpersönlichkeiten.  Nach  ihnen  soll 
auf  die  Tage  der  Not.  einer  aetas  ferrea,  eine  aetas  aurea 
von  einem  mächtigen  Friedenskaiser  herbeigeführt  werden, 
ehe  das  jüngste  Gericht  anhebt.  Diese  Weissagung  bezo*  man 
mit  Vorliebe  auf  die  bedeutenden  Herrscher  der  eignen  Zeit 
und  glaubte  in  ihnen  den  ersehnten  Friedensfürsten  zu  sehen, 
bis  man  enttäuscht  durch  ihre  Wirksamkeit  oder  durch  ihren 
Tod  seine  Hoffnungen  auf  eine  spätere  Zeit  setzen  mußte. 
Diese  Prophetieen  kommen  aber  bei  Bruno  wenig  in  Betracht, 
da  er  nicht  Gelegenheit  hat,  davon  Gebrauch  zu  machen'). 


M  Näheres  bei  Sackiir:  SibyllinischeTextc  und Forscluingeii, Halle  18Q8. 
F.  Kaiiipers:  Die  deutsche  Kaiseridee  in  Prophetie  uud  Sage,  München 
1896  und  neuere  Schriften  desselben  Verfassers. 


II.  Die  Anschauungen  Brunos. 

In  diesen  augustinischen  und  eschatologischen  Anschau- 
ungen wurzelt  unser  Autor,  und  besonders  markant  zeigt  sich 
bei  ihm  der  Einfluß  des  großen  Kirchenvaters  in  der  duali- 
stischen Auffassung,  die  sich  durch  sein  ganzes  Werk  hin- 
durchzieht. Auf  der  einen  Seite  finden  wir  die  Sachsen,  die 
Vertreter  der  civitas  Dei,')  die  Gegenpartei  bilden  Heinrich 
IV.  und  seine  Genossen,  die  Vertreter  der  civitas  diaboh. 
Heinrich  ist  in  seinen  Augen  der  rex  iniquus,  der  tyrannus, 
der  mit  seinen  ..facinorum  ....  conscii  et  fautores"-')  alle 
Schandtaten  und  Verbrechen  begeht;  Rudolf  dagegen  er- 
scheint ihm  als  der  rex  christianus,  als  der  Vorkämpfer  der 
Gottesstreiter,  und  seine  Partei  ist  der  „populus  ecclesiae",*) 
was  er  im  Kap.  109  ausdrücklich  hervorhebt. 

'  Schon  in  dem  Widmungsbriefe  Brunos  an  den  Bischof 
Werinher  von  Merseburg  können  wir  jenen  (Gegensatz  kon- 
statieren. Weil  Gott  die  Sachsen  im  Kriege  gegen  Hein- 
rich   IV.   so   wunderbar   beschützt  hat,   sieht  unser   Autor    in 

ihnen  die  Kinder  Gottes, quod  (seil,  bellum)  cum  sui  magni- 

tudine  tum  misericordia  Dei,  quam  in  ipso  hello  experti  sumus, 
est  memorabile  . .  ."*)  Auf  die  Worte  „misericordia  Dei"  müs- 
sen wir  unser  Augenmerk  richten;  denn  sie  bezeugen,  daß 
Bruno  in  den  Sachsen  die  Vertreter  der  civitas  Dei  erblickt, 
heißt  doch  das  Bibelwort  Psalm  88  ....  misericordiam  autem 
non  dispergam  ab  eis  (seil,  christianis)."') 


')  cf.  p.  34  m.  Dissert. 

2)  cf.  p.  28  m.  Dissert. 

3)  cf.  p.  41   m.  Dissert. 

■*)  Bruno,  De  hello  Saxonico,  Prologus.  Ich  zitiere  nach  der  Ausgabe: 
Scriptores  rerum  Qermanicarum  in  usuni  scholarum;  Brunonis  de  hello 
Saxonico  über,  editio  altera  Hannoverae  1880. 

^)  Augustinus,  De  civitate  Dei  ed.  Dombart  Buch  1,  7. 


—    9    — 

Von  Anfang  an  sieht  der  Autor  dem  gegenüber  in  Hein- 
rich das  Werkzeug  des  Bösen,  so  daß  er  gleich  im  ersten  Ka- 
pitel sagt,  er  wolle  von  dessen  Jugend  deshalb  erzählen, 
damit  man  sich  nicht  wundere,  daß  er  als  Mann  den  Bürger- 
krieg entfacht  habe:  „. . .  oportet  me  pauca  de  pueritia  vel 
adolescentia  eiusdem  Heinrici  praemittere,  ut  . . .  minus  miretur 
. . .  quod  intestinum  bellum  vir  factus  inceperit".')  „Intestinum 
bellum",  ist  das  nicht  die  Signatur  des  Teufelsfürsten  und  des 
Antichristen!-) 

Und  da  er  in  ihm  nun  einmal  den  Teufelsherrscher  er- 
blickt, so  geht  er  in  seinem  Abscheu  und  seiner  Verachtung 
gegen  ihn  so  weit,  daß  er  meint,  das  Werk  gegen  Widerwillen 
von  Seiten  der  Leser  schützen  zu  müssen,  und  deshalb  den 
Widmungsbrief  mit  dem  Namen  eines  ehrwürdigen  Mannes, 
venerandus,  beginnen  will:  „Verum  ne  hoc  opus  quilibet  in 
manus  accipiens  statim  velit  conspuere,  placuit  mihi  illud 
vestri  nominis  praenotatione  munire,  quatenus  dum  vestrum 
nomen  pagina  prima  demonstrat,  sequens  opus  a  s  p  u  t  i  s 
d  e  f  e  n  d  a  t".') 

Mit  Hinblick  auf  dieses  dualistische  System  will  ich  im 
folgenden  das  Werk  Brunos  durchgehen  und  zuerst  die  Partei 
der  civitas  diaboli  behandeln,  weil  sie  der  Autor  ausführlicher 
charakterisiert. 

Als  Heinrich  111.  „felici")  morte"')  gestorben  war,  über- 
nahm sein  jugendlicher  Sohn  Heinrich  IV.,  für  den  aber  an- 
fangs seine  Mutter,  eine  venerabilis  imperatrix,^)  die  Staats- 
geschäfte leitete,  die  Regierung.  Gleich  zu  Beginn  seines 
Werkes  im  ersten  Kapitel  nennt  ihn  Bruno  einen  „infelicitcr 
in  hoc  saeculo  relictus".'")  Worte,  aus  denen  man  schon  deut- 
lich seine  Zugehörigkeit  zur  Teufelsherrschaft  ersehen  kann. 
Und  bestärkt  wird  unser  Autor  in  seiner  Ansicht,  ein  Teufels- 
kind vor  sich  zu  haben,  noch  durch  die  Tatsache,  daß  der  junge 


')  Bruno,  Prologus. 

-)  cf.  p.  6  rfl.  Dissert. 

3)  Bruno,  Prologus. 

■*)  Durch  das   „felici"  wird  angedeutet,   daß  Heinrich  111.   der   civitas 
Dei  angehört  hatte,  cf.  p.  30  ni.  Di;sert. 

')  Bruno,  De  hello  Saxonico  cap.  1, 

")  Bruno,  cap.  1. 


10 


König  im  Laufe  der  Zeil  wohl  an  Alter,  aber  nicht  an  Weis- 
heit zunahm  ., puer  aetate  quidem  sed  non  sapientia  vel 

apud  Deum  vel  apud  homines')  proficeret."-)  Wunderbar, 
ein  Kind  solcher  Eltern  wird  ein  socius  diaboli!  Sagt  doch 
Pseudo-Cyprian.  daß  die  Teufelsherrschaft  erblich  sich  von 
Geschlecht  auf  (ieschlecht  fortpflanze,^)  und  hier  zeugt  nicht 
die  civitas  diaboli,  sondern  die  civitas  Dei  einen  Vertreter  der 
Teufelsherrschaft.  Aber  gerade  dadurch,  daß  der  Sohn  nicht 
in  die  Fußstapfen  der  Eltern  tritt,  tritt  das  Teufhsche  in  ihm 
noch  mehr  hervor.  Schon  in  dem  jungen  Herrscher  findet 
Bruno  die  Keime  zu  dem  lasterhaften  Leben;  denn  die  Er- 
ziehung der  guten  Eltern  schlägt  nicht  an  „. . .  matrisque 
monita  . . .  minus  audiret . .  .'"*)  Deshalb  will  Anno,  der  Erz- 
bischof von  Köln,  seine  Erziehung  übernehmen,  weil  er  weiß 
,.. . .  rex  insipiens  perdet  popuhim  suum  . . .""')  Aber  auch  der 
,:Praesul  venerandus"  vermag  nichts  auszurichten.  Er  bleibt 
ein  rex  insipiens,  und  die  Worte  Brunos  „. . .  regio  fastu  tumi- 
dus  . .  ."")  charakterisieren  ihn  als  einen  solchen. 

Diese  Worte  sind  das  prägnanteste  Kriterium  für  die  Macht 
der  augustinischen  Ideen,  die  sich  tief  in  das  Geistesleben 
unseres  Autors  eingewurzelt  haben.  Die  superbia  —  und  mit 
ihr  identisch  fastu  tumidus,  typho  turgidus  und  vanus  —  ist 
die  Ursünde,  der  Quell  aller  Übel  daher  führt  gar  oft  der 
große  Kirchenvater  jene  Stelle  Sirach  10,15  an  „Initium  quippe 
omnis  peccati  superbia"')  oder  „. . .  omnium  malorum  caput 
atque  origo  superbia  est"."*)  Die  superbia  ist  das  Haupt- 
charakteristikum.  der  civitas  diaboli:  „evidentissimum  repro- 
borum  Signum  superbia  est.'') 

Fast  wörtlich  nimmt  Bruno  die  Worte  Augustins  auf,  wenn 


')  im  bewußten   Gegensatz  zu  Luc.  2,  n2:   „Und  Jesus   nalun  zu  an 
Weisheit  und  Gnade  bei  Gott  und  den  Menschen." 
^)  Bruno,  cap.   1. 

•')  Siegmund  Hellmann,  Pseudo  Cyprian,  De  XII  abusivis  saeculi,  cap.  0. 
^)  Bruno,  cap.  1.  « 

•')  Bruno,  ibidem, 
ö)  Bruno,  ibid. 

7)  Aug.,  De  civit.  Dei  XII,  5. 
**)  Aug..  De  civit.  Dei  XIV,  3. 
'•')  Gregor  1.  bei  Migne  76,756  A.  B. 


—  11  — 

er  sagt:  „illa  dies')  principium  omnium  . . .  malorum  fiiit.'"-) 
Durch  die  supcrbia  des  Königs  gereizt,  wollen  die  Sachsen 
dem  Könige  die  Treue  kündigen  „. . .  .habiti  a  regis  superbia 
contemptui . .  ."•')  und  nicht  länger  die  Schmach  ertragen 
„. . .  melius  sibi  fore  mortem  quamlibet  pati,  quam  talem  vitam 
in  tantis  calamitatibus  et  contumeliis  vivere  . . .  ."*) 

Der  wahrhaft  christliche  Leiter  eines  Staates  soll  auf  seine 
consiliarii  hören,  er  soll  „senes  et  sapientes  et  sobrios  con- 
siliarios  habere"^)  Aber  Heinrich  verachtet  den  Rat  seiner 
Umgebung  „. . .  rege  monitores  aspernante  . . ."")  Obwohl  er 
viele  consiliarii  hatte,  wagte  ihm  niemand  einen  Rat  zu  geben: 
„Multos .  .  consiliarios  habebat,  sed  nullus  ei  dare  consilium 
audebat.  nisi  quod  ipsi  placeretO.  Denn  „. . .  omnibus  erat 
horribiliter  crudelis,  sed  nullis  ita  ut  familiarissimis  suis."^) 
Und  im  Kapitel  55  lesen  wir:  „Amicis  enim  non  minus  quam 
hostibus  crudelis  fuit.  nisi  quod  in  amicos  crudelitatem  prius 
exercebat,  ut  hostes  ex  hoc  cognoscerent,  quid  sibi  futurum 
sperarent."  Und  was  geschah  mit  dem,  der  ihm  die  Wahrheit 
sagte:  ,.si  quis  vel  inscius  aliquid  quod  nollet  ei  consulebat, 
delictum  quod  ignoranter  egerat,  sui  sanguinis  effusione  luebat. 
Nee  alicui  suam  demonstrabat  iram,  donec  incauto  faceret 
auferri  vitam."")     So   ein   echter  Ausfluß   einer   Teufelsnatur! 

Nicht  einmal  den  vertrautesten  Freunden  schenkt  er  Ver- 
trauen, sondern  schmiedet  ganz  allein  seine  Pläne,  „nee 
amicis  familiaribus,  quia  non  ut  volebat  sibi  consilium  dede- 
rant,  fidem  habuit,  sed  omnibus  semotis  solus  secum  quid 
ageret  deliberans . .  ."^")  Niemand  will  er  über  sich  dulden, 
„...ab  aliquo  gubernari  est  dedignatus".'^) 

')  „illa  dies"  bezieht  sich  auf  den  Tag,  wo  die  sächsischen  Bischöfe 
und  Fürsten  die  superbia  des  Königs  an  ihrer  Person  haben  erfahren 
müssen.     Bruno,  cap.  23. 

2)  Bruno,  cap.  23. 

3)  Bruno,  ibid. 
')  Bruno,  ibid. 

■')  cf.  p.  .5  m.  Dissert. 

•■')  Bruno,  cap.  1. 

■')  Bruno,  cap.  10. 

>*)  Bruno,  ibid. 

")  Bruno,  ibid. 

'•')  Bruno,  cap.  27. 

'1)  Bruno,  cap.  1. 


—   12   — 

Dies  kann  natürlich  kein  ciiristlicher  Herrscher  sein  im 
Sinne  Augustins;  denn  einem  solchen  ist  Christus  das  Ideal- 
bild, das  Oberhaupt  eines  christlichen  Staates:  „Cognoscit 
solum  Deum  esse  Dominum  suum,  cui  uni  summa  libertate 
serviturO  und  „Pia  humilitas  facit  subditum  superiori;  nihil  est 
autem  supcrius  Deo  et  ideo  exaltat  humilitas,  quae  facit  sub- 
ditum Deo."-) 

Ohne  Zweifel  wird  ein  Herrscher,  der  diese  beiden  Prin- 
zipien befolgt,  Furcht  und  Liebe  bei  seinen  Untertanen  in 
gleichem  Maße  finden.  Wie  hat  sich  nun  Heinrich  diesen 
Grundsätzen  gegenüber  verhalten?  Bruno  sagt  fast  im  Ein- 
klang mit  Augustin  ... . .  si  regi  regum  se  . . .  humiliter  sub- 
sterneret  (seil.  Heinricus)  et  in  victos  misericordiam  Dei 
ostenderet,  non  solum  quos  vicerat  Saxones,  sed  omnes  quibus 
imperabat  gentes,  timere  se  pariter  et  amare  faceret,  et  ad 
illas  etiam  nationes  quae  sibi  non  subiacebant,  gloriae  suae 
famam  cunctis  laudandam  transmitteret.  Quia  vero  crudelitatis 
antiquae  non  immemor,  timeri  tantum  nee  amari  curabat,  nee 
Saxones  sibi  fideles  nee  alias  sui  regni  nationes  devotas 
habebat,  et  ingentem  apud  cxteras  gentes  laudem,  quam 
posset  habere,  perdebat."^) 

Durch  den  Mangel  an  Selbstbeherrschung,  die  der  Kirchen- 
vater von  dem  Vertreter  des  Gottesstaates  vor  allem  fordert, 
wird  das  Diabolische  in  Heinrich  noch  mehr  in  den  Vorder- 
grund gerückt.  „Serviens  autem  Deo  animus  reete  imperat 
corpori,  inque  ipso  animo  ratio  Deo  Domino  subdita  recte 
imperat  libidini  vitiisque  ceteris"*)  sagt  Augustin. 

Der  König  dagegen  verläßt  den  Pfad  der  Tugend,  und 
„. . .  totis  viribus  post  concupiscentias  suas  ire  disposuit . . ."'') 
„. . . .  patefecit  quin  viam  vitae  sectari  decrevisset.*)  Die 
„vepres  libidinum"")  hat  er  nicht  durch  „  . .  frequentibus 
ieiuniis  ...  et  assiduis  orationibus"')  bis  auf  die  Wurzel  ver- 


1)  Augustinus,  De  musica  (Migne  32,   1170). 

^)  Augustinus,  De  civit.  Dei  XIV,  13. 

3)   Bruno,  cap.  55. 

■♦)  Augustinus.  De  civit.  Dei  XIX,  21. 

•')  Bruno,  cap.   1. 

6)  Bruno,  ibid. 

7)  Bruno,  ibid. 


—    13   — 

nichtet,  nein,  er  hat  ihnen  noch  mehr  Nahrung  gegeben  da- 
durch, daß  er  in  den  „regni  luxus  dehciis'")  schwelgte,  ganz 
im  Gegensatz  zu  Pseudo-Cyprian:  „Justitia  . . .  regis  est., 
certis  horis  insistere.-)  Das  Gehet  ist  ihm  überhaupt  unbe- 
kannt; er  denkt  nur  an  grausame  Verbrechen.  Das  Weih- 
nachtsfest feiert  er  „. . .  animo  non  festivo,  quia  festum 
. . .  Ottonis  occisione  nefanda  contaminare  disposuit . .  .^)  Und 
so  sagt  denn  der  Autor:    si  fides  fuisset  ei  integra."*) 

Dem  Bibelwort,  das  Bruno  im  5.  Kapitel  anführt,  „Attende 
tibi  ab  omni  fornicatione,  et  omni  tempore  benedic  Deum, 
et  pete  ab  eo,  ut  vias  tuas  dirigat"'')  folgte  Heinrich  nicht; 
„. . .  ivit  (sc.  Heinricus)  per  libidinum  praecipitia  . .  .'"*)  sagt 
Bruno,  und  überall  schafft  er  sich  freie  Bahn,  „rex  universale 
dampnum  disponebat,  et  ad  hoc  quaelibet  impedimenta  repelle- 
bat,  et  auxilia,  quibus  sua  mala  voluntas  impleretur  undecum- 
que  quaerebat."0  Zwei  große  Laster  des  Königs  hebt  er  be- 
sonders hervor  „. . .  duo  non  minima  . . .  regis  vitia>  quae  sunt 
videlicet  crudelitas  et  luxuria".**) 

Anstatt  „adulteria  punire""),  was  Pflicht  des  rex  iustus 
ist,  begünstigt  er  sie,  indem  er  selbst  mit  schlechtem  Beispiel 
vorangeht.  „Binas  vel  ternas  simul  concubinas 
habebat;  nee  his  contentus,  cuiuscumque  filiam  vel  uxorem 
iuvenem  et  formosam  audierat,  si  seduci  non  poterat,  sibi 
violenter  adduci  praecipiebat.  Aliquando  etiam  ipse  . . . 
ubi  tales  esse  cognoverat,  in  nocte  pergebat;  et  aliquando 
V  0  t  i  s  u  i  m  a  1  i  compos  efficitur  . . ."")  Ja,  er  scheut  sich 
sogar  nicht  seine  eigene  Gemahlin  der  Schande  preiszugeben, 
indem  er  einem  Vertrauten  den  Auftrag  gibt,  sie  zu  verführen,") 
und  seine  Schwester  läßt  er  auf  seinen  Befehl  in  seiner  Gegen- 

1)  Bruno,  cap.  1. 

2)  cf.  p.  .5  m.  Dissert. 

3)  Bruno,  cap.  57. 
*)  Bruno,  cap.  .S6. 

5)  Tobias,  Kap.  4.  Vers  13. 

6)  Bruno,  cap.  .5. 
■')  Bruno,  cap.   18. 
•'*)  Bruno,  cap.   14. 

'J)  cf.  p.  5  m.  Dissert. 
10)  Bruno,  cap.  6. 
")  Bruno,  cap.  7. 


—    14   — 

wart  entehren  „. . .  eam  manibus  suis  depressam  teniiit  (seil. 
Heinricus),  donec  alius  ex  ipsius  iussu  coactus  fratre  prae- 
sente  cum  ea  concubuit;  cui  non  profuit . . .  quod  sacro  capitis 

velamine  Christo  fuerat  desponsata"^,  eine  Tat,  die  „ iustus 

iudex  inultum  non  relinquat . . ."-) 

Wir  merken  eine  gewisse  Steigerung  in  der  Aufzählung 
der  Freveltaten  des  Königs,  die  in  der  Entehrung  seiner 
Schwester,  die  doch  auf  sein  Geheiß  erfolgt  war,  den  Höhe- 
punkt erreichen.  Durch  diese  immer  dunkler  werdende  Zeich- 
nung will  der  Autor  das  Teuflische  in  diesem  Könige  noch 
mehr  herausheben  und  zeigen,  daß  er  wirklich  ein  Kind  des 
Satans  ist,  zumal  er  noch  sagt:  „Multa  et  magna  in  hoc 
genere  eins  flagitia  sponte  praetereo,  quia  ad  alia  alterius 
generis  ipsius  scelera  festino  . .  ."^) 

Andere  scelera  will  der  Geschichtschreiber  dem  Leser 
anführen,  denn:  „Tot . . .  in  homicidiis  inmania  perpetravit 
facinora,  ut  dubium  sit,  quae  maior  sit  eius  infamia,  libidinis 
incestae  an  crudelitatis  inmensae."*)  Die  scelera  und  crudeli- 
tates  sind  in  ihm  gewissermaßen  verkörpert,  „sed  quia  nefanda 
stupra  nefandiora  generare  solent  homicidia,  sicut  ille  non 
unam  Bathsebam  libidinosus  stupravit,  ita  non  unum  Uriam 
crudelis  interfecit."")  Gift  und  Meuchelmord  spielen,  wie  wir 
weiter  sehen  werden,  bei  ihm  eine  große  Rolle;  Freund  oder 
Feind  werden  auf  hinterlistige  Weise  von  ihm  selbst  oder 
durch  seine  Komplicen  ums  Leben  gebracht.  „Fama  fuit, 
quod  quendam  de  familiaribus  adolescentem  nobilissimum  sua 
manu  . . .  interfecerit . . .");  seinen  Vertrauten  läßt  er  durch  seine 
Spießgesellen  überfallen  und  töten:  „Quem  (seil.  Conradum) . . . 
crudeliter  interfecerunt . . ."')  Sein  Anschlag,  den  Erzbischof 
Werinher^)  durch  Gift  umzubringen  und  seinen  Vertrauten,") 
den  Bruder  des  Bischofs  Adalbert,  am  russischen  Hofe,  wohin 


1)  Bruno,  cap.  9. 
-)  Bruno,  ibid. 
^)  Bruno,  ibid. 
^)  Bruno,  cap.  10. 
5)  Bruno,  ibid. 
'*)  Bruno,  cap.   12. 
■)  Bruno,  cap.  11. 
•'*)  Bruno,  cap.  38. 
'■')  Bruno,  cap.  13. 


—   15  — 

er  ihn  als  Gesandten  geschickt  hatte,  zu  beseitigen,  mißlingt 
ihm.  Zu  wiederholten  Malen  hat  er  Herzog  Rudolf  nach  dem 
Leben  getrachtet,^  und  auch  Herzog  Berthold  suchte  er  zu 
verderben-).  ,,Et  quare  de  duobus  tantum  eins  saevitiam 
commemoro,  qui  nullum  de  principibus  possum  asserere  secu- 
rum  tali  periculo"-')  sagt  Bruno.  Nicht  einmal  seine  Helfers- 
helfer sind  vor  ihm  sicher:  „Qui . . .  conscius  vel  adiutor  flagi- 
tiorum  sive  facinorum,  dum  securus  sui  de  aliorum  morte  trac- 
tanti  favebat.  coactus  est  mortem  pati,  quam  non  timebat."*) 

,Summum  in  regibus  bonum  est  iustitiam  colere  ac  sua 
cuique  iura  servare"'')  heißt  es  bei  Gregor  1.  Daher  verlangen 
die  Fürsten  vom  Könige  „. . .  furore  deposito,  subiectis  sibi 
nationibus  iustus  ci  pius,  quod  esset  proprium  regis,  existeret'"'). 
Heinrich  ist  aber  weit  davon  entfernt,  dieses  „summum  bonum' 
eines  Königs  zu  pflegen  „si  qua  coram  eo  querelam  de  qualibet 
iniuria  fecisset,  et  ab  eins  regia  potestate  sibi  iustitiam  fieri 
postulasset,  si  illius  insaniae  aetas  eins  et  forma  placebat,  pro 
iustitia,  quam  petebat,  iniustitiam  multiplicem  reportabat.  Nam 
postquam  ipse  in  ea  quanidiu  placuit  libidinem  suam  implevit, 
alicui  de  famulis  suis  eam  velut  uxorem  dedit.  Ita  nobiles  in  hac 
terra  mulieres,  ipse  prius  eis  turpiter  abusus,  servili  coniugio 
turpius  dehonestavit"').  Und  wer  sollte  aus  diesen  Zeilen  nicht 
ersehen,  daß  Bruno  in  Heinrich  so  recht  den  Typus  eines 
rex  iniustus  erblickt!  Die  iustitia  soll  ja  die  Richtschnur  des 
Herrschers  sein;  aber  an  Heinrichs  Hofe  gibt  es  keine  Ge- 
rechtigkeit; deshalb  zog  es  Herzog  Otto,  der  einen  Zweikampf 
auszufechten  hatte,  vor  „. . .  honore  suo  potius  iniuste  privari. 
quam  tale  iudicium  subire,  ubi  sciebat  ipsi  iustitiae  violentiam 
fieri."*) 

Während  die  Obrigkeit  nach  Pseudo-Cyprian  nicht  aus 
„iracundia"  strafen  soll"),  läßt  Heinrich  im  Jähzorn  die  Burgen 


1)  Bruno,  cap.  59,  60.  61. 

')  Bruno,  cap.  63. 

3)  Bruno,  ibid. 

*)  Bruno,  cap.   10. 

•")  Migne,  77,  1047  A. 

")  Bruno,  cap.  30. 

'^)  Bruno,  cap.  8. 

**)  Bruno,  cap.  19. 

•')  cf.  p.  5  rn.  Dissert. 


—   16  — 

Sachsens  niederreißen,  ein  „. . .  imperium  non  ex  tranquillo 
rigore  iustitiae,  sed  ex  iracundi  pectoris  commotione  tur- 
bida  . . .'")  Seine  iniustitia  haben  geistliche  und  weltliche  Fürsten 
genügend  kennen  gelernt.  Burchardus  praesul . . .  querebatur, 
quia  praedia  cuiusdam  nobilis  viri . . .  quae  iure  suae  deberent 
esse  ecclesiae,  rex  sibi  abstulisset  i  n  i  u  s  t  e.  Otto  dux 
querimoniam  fecit,  quia  ducatum  Bawariae,  quem  diu  iuste 
possederat,  rex  sibi  in  nullo  crimine  convicto,  fraude  quadam 
excogitata,  i  n  i  u  s  t  e  rapuerit.  Dedi  marchio  de  praediis 
ad  se  iure  pertinentibus,  sibi  per  iniuriam  ablatis  fecit 
querelam.  Herimannus  . . .  narravit,  quia  urbem  suam  Liuni- 
burg,  hereditate  relictam,  callide  rex  occupavit;  ...  totam 
illam  regionem,  quam  sibi  parentes  iure  dimiserant,  n  o  n 
regia  potestate  sed  i  n  i  u  s  t  a  possidere  voluit.  Fride- 
ricus  . . .  conquestus  est,  quia  beneficium  ...  i  n  i  u  s  t  a  sibi 
iussione  regis  ablatum  . . .  Fridericus  de  Monte,  et  Willehelmus, 
rex  agnomine,  quorum  priori  libertatem,  alteri  rex  eripere 
voluit  hereditatem,  uterque  pro  se  querelam  faciebat,  quae 
cunctos  plus  ahis  querimoniis  ad  misericordiam 
commovebat,  quia  in  illis  duobus  quid  universis  facere  cogitabat, 
aestimabant;  . . .  hbertatem  simul  et  possessiones  auferre  dis- 
ponebat."  Nur  Klagen  finden  wir  in  dem  Abschnitt,  und  Bruno 
schließt:  „ceteri  suas  quisque  proferebant,  ...iniurias;  ad 
quas  commemorandas  nee  pagina  sufficit  nee  memoria."-) 

Seinem  Verwandten,  dem  Markgrafen  Eckibert,  nahm  er 
zuerst  seine  Besitzungen  „Ekkiberti  . . .  qui  regi,  utpote  valde 
propinquo  genere,  toto  animo  favebat,  possessiones  prius  in- 
vadit,  easque  Othelrico,  cuidam  de  suis  consiliariis,  donavit. 
Hie  Othelricus  de  Godesheim  oriundus  fuit,  et  quia  Dei  ti- 
m  o  r  e  m  penitus  abiecerat,  Godeshaz  agnomen  habebat, 
quia  vere  ex  odio  Dei  venerat,  quod  ille  regi  familiariter  ad- 
haerebat ...  „. . .  nostrorum  bona  captivorum,  quae  ipsis  ma- 
uere debebant  integra  sifidesfuissetei  integra,  suis 
parasitis  largitur;  et  quae  suis  principibus  in  nos  bona 
promisit,  c  u  n  c  t  a'')  m  e  n  t  i  t  u  r."") 


1)  Bruno,  cap.  34. 

2)  Bruno,  cap.  26. 

3)  cf.  p.  23  m.  Dissert. 
■')  Bruno,  cap.  56. 


—    17   — 

Die  crudelitas  und  iniustitia  des  Königs  sehen  wir  in  dem 
Worte  „tyrannus",')  das  synonym  dem  rex  iniquus,  den  Teu- 
felsherrscher bezeichnet  und  das  noch  des  öfteren  durch  das 
Attribut  „crudelis"  verstärkt  wird,  sozusagen  verkörpert  vor 
uns  stehen.  Ausdrücklich  sagt  der  Autor  „. . .  iste  (seil.  Adal- 
bertus  Wormatiensis  episcopus)  perductus  est  in  Heinrici  cru- 
delis tyranni  praescntiam  . . .-)  und  „. . .  invito  tyranno  . .  ."*) 
ist  der  Bischof  von  Worms  befreit  worden.  Bei  der  Vertrei- 
bung der  Besatzungen  aus  den  Burgen  heißt  es  „possessiones 
alias,  quas  t  y  r  a  n  n  u  s  i  n  i  u  s  t  e  his  quorum  erant  ereptas, 
i  n  i  u  s  t  i  u  s  illis  ad  quos  n  u  1 1  o  iure  pertinebant  donaverat, 
auferunt,  et  eas  ad  iustos  possessores  redire  faciunt."*)  Als 
ein  „superbus",  ein  Anhänger  Heinrichs,  den  Namen  des  hei- 
ligen Petrus  verspottete,  spaltete  ihm  ein  Sachse  das  Haupt 
mit  den  Worten:  „Et  hoc  habeas  munus  ex  parte  tui  Heinrici, 
tyranni   insanienti  s^). 

Von  dem  Tyrannen  sagt  Augustin:  „libido  dominandi . . . 
plurimum  valere  in  tyrannorum  animis",'0  und  in  diesem  Sinne 
faßt  auch  Bruno  Heinrich  auf,  wenn  er  schreibt  „. . .  vitam 
(seil,  principum)  . . .  per  saevitiam  auferri  cupiebat.  Nam  ut 
s  o  1  u  s  o  m  n  i  u  m  dominus  esset,  nullum  in  regno  suo  domi- 
num vivere  vellet."')  Irdische  Motive  treiben  ihn  zum  Kampfe. 
„Volebat  enim  rex  (seil.  Heinricus)  etiam  Suevos  violenter 
opprimere,  et  ut  sibi  de  praediis  suis  redderent  tributa  com- 
pellere."*)  Im  Lande  der  Sachsen  will  er  nach  seinem  Gut- 
dünken regieren  „. . .  in  Saxonia  facere,  quicquid  sibi  libuis- 
set,"")  oder  .,. . .  populum  . . .  totum  vel  rebellem  gladio  devo- 

1)  Über  (Jen  Begriff  „tyrannus"  handelt  ausführlich  Gottfried  Herzfeld, 
Papst  Gregors  Vll.  Begriff  der  bösen  Obrigkeit  (tyrannus,  rex  iniustus, 
iniquus*  im  Sinne  der  Anschauungen  Augustins  und  Papst  Gregors  des 
Großen.    Dissert.  Greifswald,  1914. 

-)  Bruno,  cap.  96. 

3)  Bruno,  ibid. 

■•)  Bruno,  cap.  84. 

•')  Bruno,  cap.  97. 

«)  Augustinus,  De  civit.  Dei  XIV,   15. 

^)  Bruno,  cap.  60. 

**)  Bruno,  cap.  17. 

'••)  Bruno,  cap.  34. 

K.  Nowatzki,  Brunos  Liber  de  hello  Saxonico.  2 


—    18  — 

randum  daret,  vel  humilern  perpctuae  servituti  subiceret,"^) 
und  sie  vollständig  vernichten  „. . .  ab  hominum  numero  quae- 
rebat  adimere."-)  Daher  übergibt  er  Sachsen  „suis  sequaci- 
bus  ...  et  ut  per  totam  regionem  tyrannidem  exercerent  im- 

peravit."-')  Als  er  die  Feste  Lüneburg  sah,  heißt  es  , in  eius 

(sc.  Liuniburg)  cupiditatem  suo  nrore  vehementer  exarsit . . ."") 
Überall  tritt  uns  hier,  wie  wir  gesehen  haben,  seine  libido  do- 
minandi  entgegen  und  stempelt  ihn  ganz  zu  dem  augustinischen 
Tyrannen. 

Feuer  und  Schwert  kennzeichnen  den  Weg  dieses  Tyran- 
nen. Papst  Gregor  VII.,  der  sich  auf  dem  Wege  nach  Augs- 
burg befindet,  kehrt  auf  die  Nachricht,  daß  Heinrich  in  Italien 
.einzufallen  drohe,  zurück,  „ . . .  ut  Italiam  a  gladio  et  igne 
tueatur,"')  wohin  auch  in  der  Tat  der  König  seinen  Marsch 
nimmt.  „Heinricus  . . .  intravit  Italiam,  seminaturus  . . .  dis- 
cordiam . .  ."'0  Als  Heinrich  durch  Sachsen  zieht,  heißt  es: 
„Obvia  quaeque  praedando  diripuit  aut  incendio  consumpsit,"^ 
und  im  Kapitel  121  lesen  wir:  „obvia  cuncta  comburens  et 
vastans  (seil.  Heinricus)".  Zweimal  hat  er  „caedibus  et  prae- 
dationibus'"')  Magdeburg  überfallen. 

Natürlich  wird  ein  Herrscher,  der  keine  Gerechtigkeit 
kennt  und  in  allem  nur  seine  libido  dominandi  zu  befriedigen 
sucht,  seine  Hand  auch  nach  dem  Kirchengut  ausstrecken.  So 
handelt  Heinrich  ganz  wider  die  Vorschriften  Pseudo-Cypri- 
ans:  iustitia  ...  regis  est  ...  ecclesias  defendere;"^)  denn 
in  Sachsen  „. . .  nee  ecclesiis  nee  atriis  ecclesiarum  pepercit 
(sc.  Heinricus)  et  inter  sacras  profanasque  res  nullam  diffe- 
rentiam  fecit . .  ."^")  und  der  Erzbischof  von  Mainz  beklagt 
sich,  daß  der  König  „. . .  multa  mala  rebus  suae  ecclesiae  fa- 

')  Bruno,  cap.  54. 

-')  Bruno,  cap.  36. 

•')  Bruno,  cap.  56. 

')  Bruno,  cap.  21. 

')  Bruno,  cap.  89. 

••)  cf.  p.  21  m.  Dissert. 

'')  Bruno,  cap.  47. 

^)  Bruno,  cap.  26. 

•')  cf.  p.  5  m.  Dissert. 

10)  Bruno,  cap.   103. 


—    19  — 

ceret . . .')  Obwohl  fast  alle  Fürsten  „. . .  tantas  calamitates  et 
contumelias . . ."-)  erduldeten,  wagte  niemand  offen  Einspruch 
zu  erheben,  „. . .  sed  tarnen  palam  nullus  audebat  fateri,  tanto 
rex  erat  omnibus  terrori."^) 

Diese  scelera  und  mala  vereinigt  Heinrich  noch  mit  dem 
Laster  der  Simonie,  „Episcopos  enim  non  pro  qualitate  meri- 
torum  secundum  canonum  decreta  constituit,  sed  si  quis  mai- 
orem  pecuniam  dedit,  vel  ipse  maior  eius  flagitiorum  adulator 
extitit,  hie  dignior  quolibet  episcopatu  fuit.  Cumque  alicui  sie 
episcopatum  dedisset,  si  ei  alius  plus  daret,  vel  eius  magis 
facinora  laudaret,  illum  priorem  quasi  symoniacum  fecit  deponi, 
et  istum  secundum  quasi  sanctum  in  eodem  loco  consecrari,"*) 
und  „Babenbergensem  episcopatum  . . .  cuidam  mangoni  dedit 
immo  pro  inaestimabili  pecunia  vendidit,""')  aber  auch  dieser 
Wucherer  erfreut  sich  nicht  lange  des  Bistums,  er  wird  von 
einem  anderen  verdrängt;  „qui  regis  flagitiorum  maior  in 
omnibus  fuisset  assentator."")  Heinrich  ließ  sogar  die  Bischöfe 
beseitigen,  um  ihre  Bistümer  Personen  zu  geben,  die  „. . .  suae 
voluntati  praeberent  ad  omnia  consensum."') 

Seine  avaritia  kommt  noch  dadurch  zur  Geltung,  daß  er 
„.  . .  plurima  (seil,  castella)  ...  de  praedis  et  latrociniis  con- 
victä,  si  pecunia  data  fuisset,  intacta  manere  praecepit.'"*)  Und 
Willehelmum  ...  qui  propter  nimium  cultum  sui  rex  de  Lo- 
theslovo  appellabatur,  tanta  crudelitate  persequitur, 
quia  multa  ei  erant  praedia.")  Nicht  einmal  die  gefangene 
Witwe  des  Herzogs  Otto  verschont  er  und  preßt  ihr  Geld  ab, 
„. . .  Gertrud,  nobilissimi  Ottonis  ducis  . . .  quam  Lodewig  ante 
biennium  fere  ceperat,  et  domino  suo  Heinrico,  ut  a  b  fc  a  p  e- 
cuniam  extorquerct,  quod   et  fecit,  adduxerat.'"") 

Bestechungen  sind  bei  dem  Könige  an  der  Tagesordnung. 

^)  Bruno,  cap.  18. 
2)  Bruno,  ibid. 
^)  Bruno,  ibid. 
')  Bruno,  cap.   15. 
•')  Bruno,  ibid. 
6)  Bruno,  ibid. 
■')  Bruno,  cap.  38. 
**)  Bruno,  cap.  34 
5)  Bruno,  cap.  16. 
1")  Bruno,  cap.     5. 


—   20  — 

„Pretio  ...  et  promissionibus'")  gewinnt  er  Einno  für  sich, 
und  „magnis  donis  et  maioribus  promissis"-)  weiß  er  die  Für- 
sten Italiens  auf  seine  Seite  zu  bringen.  Die  Römer  verlockt 
er  mit  Geld,  „Romanos  . . .  quam  plurimos  pecunia  corru- 
pit . .  .■')  und  die  Westfalen  und  Meißener  waren  „regis  auro 
corrupti'")  von  den  Sachsen  abgefallen.  „. . .  Saxones  . . .  multa 
promittendo  diviserat."'')  denn  „ille  (seil.  Heinricus),  quo  facilius 
cunctos  ut  volebat  opprimeret  . . .  singulos  labefactare  temp- 
tabat."") 

In  seiner  Ruchlosigkeit  will  der  König  die  Sachsen  ganz 
und  gar  aufreiben;')  daher  schickt  er  Botschaften  mit  Ge- 
schenken und  Versprechungen  an  die  verschiedensten  Völker, 
um  sie  mit  ihnen  zu  verfeinden,  „. . .  missis  ...  in  omnes  cir- 
cumquaque  gentes  legatis,  d  o  n  a  n  d  o  , .  maiora  p  r  o  m  i  t  ■ 
t  e  n  d  o  ,  cunctos  si  posset  homines  Saxonibus  voluit  hostes 
efficere,  quia  non  tam  eos  suae  potestati,  quod  leviter  fieret 
sine  hello,  subicere,  quam  funditus  ab  hominum  numero 
quaerebat  a  d  i  m  e  r  e."'')  „Philippum  . . .  multis  poliicitationi- 
bus  sollicitat . . ."")  Sogar  mit  den  Heiden  setzt  er  sich  in  Ver- 
bindung, „Liuticensibus  paganis  crudelitatis  quam,  sem- 
per  in  Saxones  habuerant  frena  laxavit,  et  quantum  Saxoniae 
suis  finibus  possent  adiungere  concessit."^") 

Heinrichs  Herrschaft  steht  im  Zeichen  der  Tyrannei!  Über- 
all, wohin  der  König  kommt,  stiftet  er  Zwietracht,  und  Zwie- 
tracht sät  doch  nur  der  Teufel,  der  Haß  und  Kampf  unter  die 
nächsten  Verwandten  und  Freunde  bringt.  Heißt  es  doch  im 
IV.  Esra  5,9  et  amici  omnes  semet  ipsos  expugnabunt;  6,24  et 
erit  in  illo  tempore,  debellabunt  amici  amicos  ut  inimicos.'O 


1)  Bruno,  cap.   19. 

-')  Bruno,  cap.  6.5. 

•^)  Bruno,  ibid. 

^  Bruno,  cap.  39. 

■')  Bruno,  cap.  117. 

6)  Bruno,  cap.   18. 

')  cf.  p.   17  m.  Dissert. 

""J  Bruno,  cap.  36. 

'•')  Bruno,  ibid. 

i"j  Bruno,  ibid. 

11)  W.  Bousset,   Der  Antichrist   in   der  Überlieferung  des  Judentums, 
des  neuen  Testaments  und  der  alten  Kirche.    Göttingen  1895.    p.  75  sqq. 

Ernst  Wadstein,  Die  eschatologisclie  Ideengruppe.  Leipzig  1896.  p.  10  sqq. 


—   21    — 

In  dieser  Anschammg  wurzelt  unser  Autor;  er  sieht  in  Hein- 
rich IV.  den  Antichristen,  wenn  er  es  auch  nicht  unmittelbar 
sagt  so  doch  mittelbar,  indem  er  schreibt,  daß  Heinrich  es 
verstanden  habe,  die  Sachsen  wider  die  Sachsen  zum  Kampfe 
aufzureizen  „Pessimum,  quod  optime  sciebat  consilium  invenit 
(seil.  Heinricus).  ut  Saxoniam  divideret  et  Saxonibus  contra 
Saxones  pugnaret . .  ."^)  Er  bringt  sie  in  Uneinigkeit  und  wie- 
gelt sie  auf  „. . .  minis  sive  promissionibus  ad  bellum  civile"  und 
„. . .  famulos  ad  se  vocatos  non  dignetur  orare.  ut  vel  inter- 
ficiendo  vel  deserendo  dominos.  mererentur  libertate  donari 
vel  etiam  domini  dominorum  suorum  fieri."-)  Auch  in  Italien 
will  er  durch  „discordia"  die  Flammen  des  Bürgerkrieges  ent- 
fachen: „Heinricus  ...  intravit  Italiam,  seminaturus  et 
ibi,  sicut  pridern  in  Theutonica  fecerat  terra,  discordiam, 
quo  nullam  regni  sui  partem  placatam  dimitteret,  atque  civilium 
bellorum  venenis  pacis  quietam  non  corrumperet."'') 

Eine  besonders  starke  Kennzeichnung  seiner  teuflischen 
Natur  liegt  in  der  Hinterlist  und  Verstellung  des  Königs,  die 
ihn  speziell  als  Antichristen  in  seiner  schlimmsten  Erschei- 
nung, in  der  eines  Heuchlers  „sub  specie  religionis,"*)  brand- 
markt. 

Weil  Heinrich  mit  seiner  „lupina'')  ferocitate"")  nichts  aus- 
richten kann,  so  denkt  er  durch  den  Schein  der  Milde  und  Ge- 
rechtigkeit zum  Ziel  zu  gelangen:  „Heinricus  ...  videns  suae 
voluntati  cunctas  res  adversari,  cum  intelligeret,  se  de  lupina 
ferocitate  parum  proficere,  pelliciam  non  corvinam  cogitavit 
induere,  ut  ostensione  pietatis  et  iustitiae  deciperet,  quos 
crudelitate  violenta  superare  non  posset."')  Von  seiner  Ge- 
mahlin will  er  sich  scheiden  lassen,  um  dann  gewissermaßen 


1)  Bruno,  cap.  37 

2)  Bruno,  ibid. 

3)  Bruno,  cap.   129. 

■*)  cf.  p.  6,2  m.  Dissert. 

Ernst  Bernheim,  die  augustinische  Geschichtsanschamiiig  in  Ruotgers 
Biographic  des  Erzbischofs  Bruno  von  Köln.  Zeitschrift  der  Savigny- 
stiftung  für  I^echtsgeschichte.     33.  Bd.,  Abt    II.    Weimar  1Q12. 

■')  Gelänfig  im  Sinne  des  Bibelworts:  lupus- Teufel,  der  die  Schafe 
des  Hirten  angreift  nach  Ev.  Job.   10,   12. 

•')  Bruno,  cap.  86. 

'')  Bruno,  ibid. 


—   22    — 

mit  dem  Scheine  des  Rechts  seinen  unerlaubten  Lüsten  freien 
Lauf  zu  gehen  „. . .  multis  modis  eam  a  se  separare  quaerebat, 
ut  tunc  quasi  licenter  ilHcita  faceret,  cum  hoc,  quod  licebat, 
coniugium  non  haberet.'") 

Einen  „. . .  rex  magnus  dissimulator"  nennt  ihn  Bruno  . . .-); 
denn  niemals  zeigt  er  seinen  Unwillen,  den  er  im  Herzen 
empfindet   „nee  vultu    nee   verbis"''),   wie   er   es   dem   Bruder 

des    Bischofs    Adalbert    gegenüber    tut    nee    ei    quicquam 

malae  voluntatis  ostendit*).  Er  ist  ein  Meister  in  der  Ver- 
stellung    ut  ad    omnia    simulanda    doctus  erat  . . ."'')    und 

ut  erat  dissumulator  . . .'"'')  „.  . .  dum  quasi  iocaretur  . .  ."0 

erschlägt  Heinrich  einen  seiner  Vertrauten.  „Eodem  vel  simili 
dolo  . .  ."**)  sucht  er  Herzog  Berthold  zu  verderben  „quia  hi 
duo  (seil.  Rodulfus  et  Bertoldus)  magis  videbantur  eius  malitiae 
obsistere."")  Als  er  vor  der  Wut  der  Sachsen  seine  Haupt- 
burg erhalten  will,  heißt  es:  excogitavit  dolum  . . .'"") 

Und  in  dieser  üblen  Kunst  hat  er  es  so  weit  gebracht, 
daß  er  bei  der  Zerstörung  der  Burg  „. . .  magno  quidem  dolore 
cordis  intrinsecus  conturbatus.  sed  eum  nullo  forinsecus  signo 
protestatur,  quia  superfluum  putabat,  his  quos  habebat  odio 
dolorem  suum  monstrare.  cum  non  posset  in  eorum  suppliciis 
ad  praesens  odium  suum  pro  vele  suo  saturare."")  Daher 
verläßt  er  Sachsen  ,.. .  non  quasi  ullo  dolore  commotus  vel  quic- 
quam mali  Saxoniae  cogitans,  ...  et  ad  habitores  Rheni  . . . 
male  laetamente  transivit."*-)  „...causam  fingens'"'') 
beruft  er  die  Fürsten  der  Sachsen  und  „blandus"'*)  empfängt 
er  einen  jeden.  Seine  Anhänger  täuscht  er  durch  eine  falsche 
Siegesnachricht      ,,. . .  s  i  m  u  1  a  t  o  s      nuntios      fecit      proce- 

1)  Bruno,  cap.  6. 

2)  Bruno,  cap.  14. 

3)  Bruno,  ibid. 

*)  Bruno,  cap.  13. 

^)  Bruno,  cap.  11. 

«)  Bruno,  cap.  27. 

■)  Bruno,  cap.  12. 

8)  Bruno,  cap.  63. 

»)  Bruno,  ibid. 

1")  Bruno,  cap.  33. 

")  Bruno,  cap.  34. 

12)  Bruno,  ibid. 

13;  Bruno,  cap.  37. 

i^j  Bruno,  ibid. 


23 


dere  . . .'")  „Qiiibus  verbis,  siciit  ipse  c  a  1 1  i  d  u  s  dictaverat, 
peroratis,    Uli    qui   haec    credula   nimis   aure    pcrceperant . . .-) 

Den  Bayernherzog  sucht  er  omni  calUditate  . .  .*)  um  sein 

Herzogtum  zu  bringen,  und  Sachsen  entzweit  er  mit  seiner 
.,solita  calUditate  . .  ."*)  Vor  dem  Kampfe  greift  er  zur  List 
„. . .  ad  artem  malitiae  convcrtit  se.  dolique  calUditate  nostrum 
agmen  . . .  dispergit")  und  „AUi  . . .  dicebant . . .  cum  . .  nostris 
a  r  t  e")  s  u  a  deceptis.  magnam  partem  regionis  veUe  com- 
burere  . . ."  „AUi . .  .putabant,  quod  ex  industria  malivolentiae 
hunc  pugnae  elegisset  locum . . .'"')  Der  Wahrheit  steht  der 
König  vöüig  fremd  gegenüber  „. . .  cuncta  mentitur  (seil.  Hein- 
ricus) . . ."  cap.  56,  „. . .  promissionis  oblitus  . . ."  cap.  55, 
„. . .  factaeque  pacis  oblitus  . . ."  cap.  95. 

Da  er  gewissermaßen  nur  von  Intrigen  und  Lügen  lebt, 
so  findet  er,  als  er  einmal  vorgibt,  seine  „iniustitiam  cum  vitiis 
Omnibus"**)  abzulegen,  keinen  Boten  für  diese  Nachricht,  „quia 
de  suis  quoque  cum  nullus,  quod  ore  emisit,  in  corde  habere 
credebat,  nee  aliquis  dubitavit,  quin  si  quis  Saxonibus  valde 
iam  exasperatis  hoc  nuntium  f  a  1  s  i  t  a  t  i  s  afferret,  pro  f  a  1  s  i  s 
promissis  poenas . . .  daret.'"^)  Und  als  die  Sachsen  diese  Bot- 
schaft erhalten,  legen  sie  kein  Gewicht  auf  sie;  denn  „co'gnitis 
tot  eius  m  e  n  d  a  c  i  i  s,  haec  quoque  promissa  veneno  f  a  1  - 
s  i  t  a  t  i  s  infecta  non  dubitabant."*") 

Im  Kapitel  64  sagt  Bruno,  daß  er  auch  den  Papst  zu 
belügen  sucht,  und  als  dieser  eine  Kirchenversammlung  zu 
berufen  gedenkt  ,.ubi  episcopi  vel,  si  digni  essent,  episcopa 
lern  perderent  dignitatem,  vel  i  n  i  u  r  i  a  r  u  m  quas  erant  passi 
canonicam  reciperent  satisfactionem"")  und  . . .  ,,si . . .  noluisset 
rex  obediens  existere  . . .,  se  cum  velut  putre  membrum  ana- 


')  Bruno,  cap.  10.3. 
2)  Bruno,  ibid. 

•')  Bruno,  cap.  19.     calliditas  —  Hinterlist,  nicht  etwa  die  Bedeutung 
von  prudentia. 

•)  Bruno,  cap.   1 17. 
■•)  Bruno,  cap.  121. 

'•)  ars  in  diesem  Falle  =  List,  Künste  der  Hinterlist. 
')  Bruno,  cap.  121. 
^)  Bruno,  cap.  86. 
'■')  Bruno,  ibid. 
'")  Bruno,  ibid.| 
")  Bruno,  cap.  64. 


24 


thcmatis  jiladio  ab  iinitatc  saiictae  matris  ccclesiae  minahatur 
abscindcrc",')  da  wird  er  „tristis  . . .,  quia  in  apostolica  dig- 
nitate  malitiae  suac,  sicut  sperabat,  auxiliiim  non  invenit."-) 
Hierauf  zwingt  er,  „cum  suis  deceptoribus"  die  Bischöfe  dem 
Papste,  „subiectioncm  et  obedientiam  interdicere""')  und  sendet 
ihm  „plenas  contumeliis  litteras."*)  Fast  wäre  der  Überbrin- 
ger dieser  Briefe  gliedweise  zerrissen  worden,  „legatus  . . . 
membratim  laniatus  interisset  miserabilite  r."'')  wenn 
er  nicht  beim  apostoHschen  Stuhle  Schutz  gefunden  hätte. 
Wiederholt  will  Heinrich  den  Papst  absetzen,  damit  er  „omnia 
quae  regi  fuissent  placita  tota  voluntate  perficeret"")  und  „li- 
bere  faceret  omnia  quae  suae  t  y  r  a  n  n  i  d  i  placerent,  cum  de 
sede  apostolica  omnis  suae  voluntatis  favorem  haberet."") 

Für  seine  Sanftmut  und  Milde  hat  der  Papst  nur  die 
„s  u  p  e  r  b  i  a  e  amaritudinem"*')  geerntet  und  infolge  dieser 
superbia  wird  Heinrich  von  Rom  aus  in  den  Bann  getan;  „ne 
talis  contumelia  remaneret  inulta."") 

Unstät  zieht  jetzt  Heinrich  in  Italien  umher  „Heinricus  . . . 
per  Italiam  v  a  g  a  n  s  loco,  sed  magis  animo  . . .'"")  Diese  Ruhe- 
losigkeit ist  ein  eklatantes  Kriterium  des  Bösen.  E&  ist  die 
perturbatio,")  die  nur  bei  den  Weltkindern  zu  finden  ist. 

In  den  Augen  Brunos  gilt  jetzt  Heinrich  vollständig  als 
ein  socius  diaboli,  und  bestärkt  wird  der  Autor  noch  in  sei- 
ner Ansicht  durch  die  zahlreichen  Todesfälle,  die  diejenigen 
treffen,  welche  mit  den  Gebannten  gemeinsame  Sache 
machen.'-) 

Das  „rex  esse  desivit"  wird  durch  den  Bannspruch  des 
Papstes    nur    noch    mehr    bekräftigt   und    gewissermaßen    nur 

1)  Bruno,  cap.  64. 

-)  Bruno,  ibid. 

■■*)  Bruno,  cap.  65. 

4)  Bruno,  ibid. 

■')  Bruno,  cap.  68. 

*!)  Bruno,  cap.  65. 

'^)  Bruno,  cap.  126. 

*^)  Bruno,  cap.  68. 

'•')  Bruno,  ibid. 
!••)  Bruno,  cap.  90. 

11)  über  die  „perturbationes"   spricht   Augustin   ausführlich   in   seinen 
Confessiones,  Migne,  40,  788  und  De  civil.  Dei  XIV,  .3, 
i2j  cf.  p.  30  m.  Dissert.  über  die  Todesfälle. 


25 


bestätigt;  denn  bei  Bruno  süt  er  eben  als  der  wortbrüchige 
rex  iniustus,  gegen  den  man  ohne  weiteres  die  Waffen  er- 
greifen muß. 

Als  sich  hierauf  die  Sachsen  und  Schwaben  im  Oktober 
\l066  zu  Oppenheim  am  Rhein  zu  einer  neuen  Königswahl  ver- 
sammeln, da  entschließt  sich  der  süperbus,  nachdem  alle  Hoff- 
nung, sein  Land  wiederzuerhalten,  geschwunden  ist,  seinen 
bisherigen  Lebenswandel  zu  ändern.  Aber  die  „humilitatem 
pc^enitentis"  nehmen  die  Fürsten  nur  unter  der  Bedingung  an, 

daß   er   schriftlich   eingesteht   se   ...    i  n  i  u  s  t  e    Saxones 

afflixisse  . . .'")  und  nach  Rom  geht,  damit  er  „per  dignam 
satisfactionem    anathematis    vinculo    careret."-) 

\n  seiner  superbia  erleidet  er  jetzt  einen  mächtigen  Stoß; 
„Laneis  indutus,  nudis  pedibus"  erscheint  Heinrich  vor  dem 
Papste,  verspricht  Besserung  und  ist  bereit,  „. . .  poenitentiam 
. . .  hupiiliter^)  auf  sich  zu  nehmen. 

„Dfe  tanti  viri  tanta  humilitate  laetatus'")  befreit  ihn  der 
Papst  vom  Banne.  Der  König  scheint  sich  zu  bessern,  er  gibt 
den  Verkehr  mit  den  Gebannten  auf. 

Doch  nicht  lange  verharrt  er  in  der  oboedientia.  Seine 
Satansnatur  „antiqua  flagitia  sua  non  deseruit"'^)  kommt  wie- 
derum zum  Vorschein,  denn  als  seine  Genossen  ihm  wegen 
seines  Verhaltens  Vorwürfe  machen,  da:  „talibus  verbis 
animus  eins  immutatur,  et  ad  consueta.  pravo  pravorumque 
consilio,  revcrtitur."")  Hinen  „miser"  nennt  ihn  der  Autor, 
weil  er  „Excommunicatorum  communione  miscetur,  et  a  sanc- 
torum  communione  . . .  repellitur."0  „Factus  inoboediens"  ist 
er  geworden,  „cum  pace"  kann  er  nicht  mehr  regieren  „quod 
si  parumper  m  oboedientia  permansisset,  et  regnum  nunc 
terrenum  cum  pace  teneret,  et  quandoque  coeleste  sine  finc 
possessurus  acCjiperet.    Nunc  vero  factus  inoboediens,  et  hoc 


1)  Bruno,  cap.  ^8. 
-)  Bruno,  ibid.  \ 
•'')  Bruno,  cap.  90. 
')  Bruno,  ibid.  \ 
•')  Bruno,  cap.  7. 
")  Bruno,  cap.  90. 
")  Bruno,  ibid. 


—   26  — 

quod  amat  non  liabcbit.  nisi  cum  magno  labore;  et  illud  non 
accipiet,  nisi  magna  totius  vitae  mutatione."0 

Es  liegt  klar  auf  der  Hand,  daß  einen  solchen  Menschen, 
sei  es  früher  oder  später,  die  Strafe  Gottes  doch  einmal  treffen 
muß.  So  wird  denn  der  Gebannte  auch  in  der  Schlacht  am 
Sumpfe  Grona  (Kap.  122)  besiegt,  und  als  er  nach  diesem  Miß- 
erfolg seinen  Sohn  zum  Könige  von  Sachsen  machen  will, 
antwortet  ihm  Herzog  Otto:  „Saepe  ...  ex  bove  malo  malum 
vitulum  vidi  generatum;  ideoque  nee  filii  nee  patris  habeo 
desiderium."-)  Ein  prägnantes  Beispiel  dafür,  daß  Bruno  die 
Teufelnatur  als  eine  erbliche  Belastung  ansieht;  er  ist  fest 
davon  überzeugt,  daß  von  einem  Teufelsherrscher  nur  ein 
Kind  des  Satans  abstammen  kann,  ganz  im  Sinne  Pseudo- 
Cyprians."') 

Nachdem  nun  alle  Versuche  Heinrichs,  die  Sachsen  unter 
seine  Botmäßigkeit  zu  bringen,  gescheitert  sind,  zieht  er  1081 
über  die  Alpen,  um  sich  vom  Banne  zu  befreien.  Aber  nicht 
reuigen  Herzens  will  er  vor  den  Papst  treten,  sondern  „humi- 
latione  ficta."^)  Ja,  er  geht  noch  weiter!  Wenn  er  nicht  durch 
Heuchelei  zum  Ziele  gelangen  kann,  will  er  durch  „vi  tyran- 
nica""')  es  erreichen  oder  Gregor  „per  vim"")  absetzen  und 
einen  Papst  nach  seinem  Geschmacke  auf  den  päpstlichen  Stuhl 
bringen,  damit  er  um  so  freier  seinen  Gelüsten  nachgehen 
kann  libere  faceret  omnia  quae  suae  tyrannidi  placeret.O 

Heinrichs  ganzes  Verhalten  dem  Papste  gegenüber  läßt 
unseren  Autor  auf  den  rex  iniustus  schließen,  und  so  finden 
wir  denn  Bruno  im  Kap.  104  und  107  natürlich  aufs  höchste 
überrascht  auf  die  Nachricht  hin,  der  Papst  wolle  beide  Könige 
anhören  und  untersuchen,  auf  welcher  Seite  füe  „iustitia,"^) 
d.  h.  nicht  das  formale   Recht,  sondern  die  G'drechtigkeit  im 

1)  Bruno,  cap.  QO 

2)  Bruno,  cap.   125. 

•'')  cf.  p.  10  m.  Dissert.  ; 

')  Bruno,  cap.  126. 

^)  Bruno,  ibid.  ' 

*>)  Bruno,  ibid. 

■?)  cf.  p.  24  m.  Dissert. 

M  Gregors  Auffassung  über  die  „iustitia"  cf.  Dissert.  von  Heinrich 
Krüger,  Was  versteht  Gregor  VII.  unter  iustitia,,  und  wie  wendet  er 
diesen  Begriff  im  einzelnen  praktisch  an?     Dissei.i.  Qreifswald  1910. 


—   27   — 

Sinne  des  gottgefälligen,  den  göttlichen  Geboten  gehorsamen 
Herrschers,  sei.  Für  ihn  ist  es  ganz  klar,  daß  nur  Rudolf  der 
rex  Christianus  sein  könne  und  nicht  Heinrich,  und  so  sagt  der 
Autor  im  Kapitel  1Ü7:  ,. . .  quia  prius  coelum  stare  vel  terram 
crediderant  coeli  modo  moveri,  quam  cathedram  Petri  amittere 
constantiam  Petri."  Deshalb  ist  Bruno  auch  nicht  romfreund- 
lich: „. . .  quod  apostolici  legati  frequenter  ad  utrasque  partes 
venerunt,  et  nunc  nobis,  nunc  hostibus  nostris  apostolicum 
favorem  promittentes.  ab  utrisque  pecuniam.  quantam  poterant 
more   Romano  conquirere,  secum   detulerunt.'") 

In  den  Anhängern  des  Königs  sieht  der  Autor  die  pars 
iniqua.  Er  zeichnet  sie  mit  den  gleichen  Strichen,  mit  denen 
er  Heinrich  zum  socius  sathanae  gestempelt  hat. 

Auch  hier  nimmt  die  superbia  die  Zentralstelle  ein  und 
charakterisiert  sie  als  Kinder  des  Teufels:  „. . .  animo  tumes- 
cebant . . .,"-)  sagt  Bruno  von  ihnen,  als  sie  das  Land  der 
Sachsen  in  ihrem  Besitz  zu  haben  glaubten.  In  ihrer  superbia 
spotten  sie  der  Heiligen  Namen;')  und  der  Bischof  von  Utrecht 
hätte  nicht  ein  „miserabilem  finem"  gefunden,  „si  liceret  ei 
poenitendo  a  superbia  resipiscere."*) 

Sie  unterdrücken  die  Sachsen  und  beschimpfen  ihre  Frauen 
und  Töchter  „. . .  praesidia  . . .  coeperunt  liberos  homines 
ad  opus  servile  compellere,  filias  vel  uxores  alienas  ludibrio 
habere . .  .,'0  haben  keine  Ehrfurcht  vor  geweihten  Orten, 
„nie  (seil.  Conradus)  . . .  sciens  quod  ecclesiae  non  parce- 
rent  . . ."") 

Bruno  vergleicht  sie  mit  den  Heiden  und  sagt  im  Kapitel 
47:  „Si  pagani  nos  ita  vicissent,  non  maiorem  in  victos  cru- 
dehtatem  exercerent  . . ."  „Feminas  in  ipsis  ecclesiis,  etiam 
si  fugissent  ad  altare,  corrumpebant.  suaeque  libidinc  barbaro 
more  completa,  feminas  cum  ecclesiis  comburebant."  Kirchen 
und  Friedhöfe  läßt  sie  Heinrich  plündern  „. . .  ut  illorum  avari- 
tiam   insaturabilem  saturaret . .  ."0 


1)  Bruno,  cap.  1 16. 

2)  Bruno,  cap.  103. 

3)  Bruno,  cap.  97. 
*)  Bruno,  cap.  74. 
•')  Bruno,  cap.  16. 
ß)  Bruno,  cap.  11. 
")  Bruno,  cap.  103. 


Wie  Heinrich,  so  scheint  auch  ilinen  die  HinterHst  zur 
zweiten  Natur  geworden  zu  sein.  Bei  Flarcheim  kämpfen  sie 
.,. . .  sicut  seniper  solebant,  cailiditate  pugnaturi . . ..'")  und  als 
sie  um  Frieden  bitten,  wird  dieser  von  den  Sachsen  abgelehnt, 
„Nostri  dolos  illorum.  percipientes  ...";-)  denn:  sie  wollen 
nicht  einen  wahren  Frieden,  „firmam  et  integram  pacem,"'')  den 
die    Sachsen    wünschen,    sondern     nur     einen    Scheinfrieden; 

tarn  longum  tempus  pacis  habere  volebant,  ut  hi  qui  domi 

remanebant  essent  tuti,  donec  illi  qui  in  Italiam  pergebant  con- 
tumeliam  facerent  apostolicae  dignitati."*) 

Um  die  Wahl  eines  neuen  Königs  zu  verhindern,  greifen 
sie  zur  List;  „. . .  principes  adversae  partis,  artis  antiquae 
non  obliti  . . ..""")  wie  sie  es  schon  einmal  bei  der  Krönungs- 
weihe Rudolfs  zu  Mainz  getan  haben;  „Urbani  (seil,  exregis 
parasiti)  ...  in  crudelem  sunt  accensi  zelum  . . .  cogitabant  . . . 
semen  aliquod,  unde  seditio  nasceretur,  inmittere,  ad  quam 
sedandam  dum  rex  procederet,  modo  quolibet  occisus  inter- 
iret.""0 

Die  Anhänger  Heinrichs  nennt  der  Autor  „conscii  et  fau- 
tores  . . .  suac  nequitiae')  und  „facinorum  . . .  conscii  et  fau- 
tores."**) 

Durch  höchst  charakteristische  Beifügungen  sucht  er  ihre 
teuflischen  Eigenschaften  noch  mehr  zu  betonen.  „Per  . . . 
fallacem  monachum"")  will  der  König  den  Erzbischof  Werinher 
von  Magdeburg  vergiften  lassen.  „Burchardus  . . .  praefectus, 
huius  latrocinii  ductor  nequissimus"'")  soll  den  Vertrauten  des 
Königs  einen  gewissen  Konrad  ums  Leben  bringen.  Eberhard 
den  Bärtigen,  der  in  der  Schlacht  bei  Mellrichstadt  fällt,  be- 
zeichnet er  als  einen  „qui  huius  belli  erat  i  n  c  e  n  t  o  r  saevis- 
simus."^^) 

1)  Bruno,  cap.   1 17. 

-)  Bruno,  cap.   128. 

•')  Bruno,  ibid. 

*)  Bruno,  ibid. 

■')  Bruno,  cap.   131. 

'•)  Bruno,  cap.  92. 

^)  Bruno,  cap.  63. 

8)  Bruno,  cap.  11, 

«)  Bruno,  cap.  38. 

JO)  Bruno,  cap.  11. 

")  Bruno,  cap.  102. 


29 


In  der  civitas  diaboli  stellt  dem  Könige  der  Erzbischot 
Adalbert  ebenbürtig  zur  Seite.  Bruno  nennt  ihn  einen  „typho 
superbiae  turgidus,'")  und  in  seiner  superbia  hält  sich  der 
Bischof  für  weit  mächtiger  als  Petrus  „. . .  se  tamen  eandem 
quam  Petrus  habere  potestatem  vel  etiam  maiorem."-)  Als 
aber  „ille  vanus  (seil.  Adalbertus)"  seine  potestas  über  Leben 
und  Tod  beweisen  will,  da  „a  s  u  p  e  r  b  i  a  sua  valde  obticuit."'') 
In  ,.nimio  luxu"")  hat  der  Erzbischof  gelebt,  und  in  der  Ka- 
pelle heuchelt  er  den  frommen  Mann;  ,.. . .  subito  se  in  terram 
quasi  in  orationem  prostravit."'') 

Anstatt,  wie  es  seine  Pflicht  gewesen  wäre,  auf  den  ju- 
gendlichen Heinrich,  den  er  „velut  infrenem  equum  per  abrupta 
f  1  a  g  i  t  i  o  r  u  m  ruere  vidit,"")  moralisch  einzuwirken,  schließt 
er  sich  ihm  an;  „non  ut  vitiorum  spinas  ...  manu  severae 
auctoritatis  radicitus  erueret  et  virtutum  semina  episcopaü 
praedicatione  plantaret  sed  ut  germina  vitiorum  adulationis 
aqua  rigaret,  et  si  quae  virtutum  fruges  emergerent,  amari- 
tudine  perversi  dogmatis  enecaret."') 

Ja,  der  „falsus  et  fallens  episcopus"  wie  ihn  Bruno  im 
8.  Kapitel  bezeichnet,  warnt  den  König  nicht:  „Post  c  o  n  c  u- 
p  i  s  c  e  n  t  i  a  s  tuas  non  eas"*)  und  „Non  semines  mala  in 
sulcis  i  n  i  u  s  t  i  t  i  a  e,  et  non  metes  ea  in  septuplum,"")  sondern 
bestärkt  ihn  noch  auf  der  lasterhaften  Bahn.  „Haec  omnia 
(seil,  scelera)  vidit  ille  falsus  et  fallens  episcopus;  vidit,  neque 
prohibuit;  immo  sua  doctrina  eum,  quo  sine  timore  vel  pudore 
talia  faceret,  velud  adhortando  confortavit.  Stultum  namque 
dixit  esse,  si  non  in  omnibus  satisfaceret  suae  desideriis 
adolescentiae.'"")  Und  als  der  König  mit  eigener  Hand  einen 
Jüngling  erschlagen  hat,  erteilt  ihm  der  Bischof  „sine  ulla 
satisfactione")  die  Absolution. 

>)  Bruno,  cap.  2. 

-)  Bruno,  ibid. 

3)  Bruno,  cap.  3. 

^)  Bruno,  cap.  4. 

'•)  Bruno,  ibid. 

*^)  Bruno,  cap.  5. 

")  Bruno,  ibid. 

**)  Bruno,  ibid. 

'■')  Bruno,  ibid. 
"•)  Bruno,  cap.  8. 
")  Bruno,  cap.   12. 


—  30  — 

Zusammenfassend  sagt  dann  der  Autor  am  Schluß  des 
5.  Kapitels:  „Hac  ...  non  episcopali  doctrina  rex  (seil.  Hein- 
ricus)  in  n  e  q  u  i  t  i  a  confortatus,  ivit  per  libidinum  prae- 
cipitia  ...  et  qui  multorum  rex  erat  populorum,  thronum  posuit 
in  se  libidini,  cunctorum  reginae  vitiorum." 

Fast  alle  Anhänger  Heinrichs  sterben  eines  unnatürlichen 
Todes,  wodurch  ihre  Zugehörigkeit  zur  civitas  diaboli  beson- 
ders stark  gekennzeichnet  wird.  Äußert  sich  ja  deren  Herr- 
schaft in  Unglücks-  und  Todesfällen  verschiedenster  Art:  Un- 
ruhen und  Zwietracht  im  Lande,  Überfall  durch  Feinde,  Tod 
von  Angehörigen  und  Verwandten:  qui  vero  regnurn  secundum 
hanc  legem  non  dispensat.  multas  nimirum  adversitates  imperii 
tolerat.  Idcirco  enim  saepe  pax  populorum  rumpitur  . . .  multi 
et  varii  dolores  prosperitatem  imperii  inficiunt,  carorum  et 
liberorum  mortes  tristitiam  conferunt  . . .')  und  Gregor  der 
Große  sagt:  „Iniquorum  omnium  mors  subita,  quia  non  prae- 
Visa"-)  oder  „Iniquos  non  praevisa  Dei  manus  ad  supplicum 
rapit."'')  Anschauungen,  die  wir  auch  bei  Bruno  vertreten  finden, 
wenn  er  sagt:  „Et  cur  eum  solum  dico  miserabiliter 
obisse?  Cum  manifestum  sit,  omnes  fere  Heinrici  familiäres 
et  fideles  aeque  miseras  mortes  incurrisse,  et  eos  miseriores 
qui  fuerant  illi  fideliores;  quia  fides  illa  vere  erat  perfidia."^) 
Die  Epitheta  miserabiliter,  misera  und  felici  morte,  denen  wir 
oft  begegnen,  sind  demnach  grundwichtig  und  keine  leeren 
Phrasen;  sie  sind  ein  bezeichnendes  Charakteristikum  echt 
mittelalterlicher  Anschauung;  aus  ihnen  können  wir  die  Partei- 
stellung des  Autors  ersehen! 

Es  ist  daher  eine  falsche  Beurteilung  Flotos,  wenn  er 
sagt:  „. . .  das  wird  so  ziemlich  von  allen  Feinden  des  Papstes 
berichtet  (seil,  daß  sie  ohne  die  Sakramente  eines  qualvollen 
Todes  gestorben  und  zur  Hölle  gefahren  seien)  und  ist  darum 
unerheblich;'"')  denn  gerade  durch  diese  markanten  Beiworte 
und  durch  die  spezielle  Aufzählung  von  Todesfällen  will  eben 


1)  cf.  p.  6  m.  Dissert. 

2)  Migne,  Bd.  76,  320  D. 

3)  Migne.  Bd.  76,  322  A. 
*}  Bruno,  cap.  74. 

5)  Floto,  loc.  cit.  Bd.  II,  p.  98. 


31 


der  Autor  zeigen,  daß  Heinrich  ein  Teufelsiierrscher,  ein  rex 
iniquus,  ist. 

Als  der  Bischof  Willehalm  von  Utrecht  den  Bannfluch 
des  Papstes  „derisorie"  bekannt  macht,  da  „mala  valetudine 
corripitur,  in  qua  usque  ad  niiserandum  miserae  vitae  finem 
detinetur".*)  Er  sieht  die  „daemones"  sein  Bett  umstehen, 
die  auf  seine  Seele  lauern,  und  in  Verzweiflung  läßt  er  dem 

Könige  melden:    ipse  (seil.   Heinricus)   et   ego,  et  omnes 

eius  iniquitati  faventes,  damnati  sumus  in  perpetuum."-)    Und 

Bruno  sagt:    si  liceret  ei  poenitendo   a   superbia  resipis- 

cere",^)  aber  ohne  Aussöhnung  mit  der  Kirche  ereilt  ihn  der 
Tod  „in  desperatione  defunctus  nullis  orationibus  Deo  recon- 
ciliatus."*)  Ein  .„stultum  et  miserabilem  finem"  hätte  er 
nicht  gefunden,  wenn  er  nicht  „avaritiae  venenis  infectus"') 
wäre.  Und  daß  der  Bischof  wirklich  ein  Kind  des  Teufels 
gewesen  ist  und  in  der  Hölle  begraben  liegt,  findet  der  Autor 
durch  ein  Wunder  bestätigt;  denn  der  Verstorbene  erscheint 
nicht  lange  nach  seinem  Tode  dem  Abte  von  Cluni  und  sagt: 
,,Non  sum  vivus,  sed  vere  defunctus,  et  in  i  n  f  e  r  n  o  se- 
pultus."") 

So  mächtig  lastet  Gottes  Strafe  auf  den  Gebannten,  daß 
sogar  diejenigen,  welche  mit  ihnen  verkehren,  aus  diesem 
Leben  geschieden  sind,  ohne  die  Sterbesakramente  empfangen 
zu  haben. 

Weil  der  päpstliche  Legat  ein  Anhänger  der  pars  iniqua 
ist,  stirbt  er  „rcpentina  morte  . . .  incommunicatus  et  incon- 
fessus",  zugleich  mit  ihm  „. . .  quinquaginta  . . .  socios,  eadem 
morte  repentina  correptos;  ne  quos  habebat  in  iniquitate 
consortes,  in  retributione  non  haberet  participes."0 

Den  Erzbischof  Udo  von  Trier  erreicht  das  gleiche  Schick- 
sal „. . .  nimis  mansuetus  tyrannidi  non  resistens,  . . .  eius 
(sc.  Heinrici)  flammeo  f  u  r  o  r  i  suae  consensionis  oleum  mi- 


1)  Bruno,  cap.  74. 

-)  Bruno,  ibid. 

3)  Bruno,  ibid. 

■*)  Bruno  ibid. 

5)  Bruno,  ibid. 

6)  Bruno,  cap.  74. 
')  Bruno,  cap.  75. 


32 


nistraf'O  „•  ■  •  subitanea  morte  m  i  s  c  r  a  b  i  1  i  t  e  r  ohiit.  dinri 
timorc  Dei  postposito,  manibus  profanis  in  sacras  res  licenter 
ire  permisit."-)  Durch  einen  Sturz  seines  Pferdes  findet 
Biscliof  Hppo  von  Zeitz  den  Tod:  „sancto  Kiliano  sie  dispo- 
nente,  ut  qui  cius  urbis  violentus  incubator  i  n  i  u  s  t  e  vinum 
suum  bibebat.  aquam  quoque  suam  i  u  s  t  e  bibens  ...  et  quia 
nobis  inconciliabilis  permansit,  Deo  inreconciliatns  ab  hac  vita 
niigravit."'') 

Herzog  Godefried  „qui  fuit  maximus  hostis  Saxoniae, 
periit  in  secretiori  corporis  parte  perfossus  saevo  mucrone. 
nee  purgatus  ultimaconfessione,  nee  munitus  s  a  c  r  a 
c  o  m  m  u  n  i  o  n  e."*)  Da  der  Burggraf  Burchard  von  Meißen 
zu  den  Räten  des  Königs  gehört,  stirbt  er:  „cum  magno  ani- 
mae  suae  periculo,  quia  saepe  consensum  praebuit  periculoso 
saevissimi  regis  consiUo."'')  Einen  ähnlichen  Tod  findet  ein 
zweiter  consiliarius  des  Königs  „qui  saepe  p  r  a  v  i  consilii 
consors  vei  auctor  fuit,  sine  consiho  perpetuae  salutis  ab  hac 
vita  recessit."") 

Dagegen  nennt  Bruno  den  Bruder  des  Bischofs  Adalbert, 
der  gleichfalls  ein  Vertrauter  Heinrichs  gewesen  ist,  einen 
„prudens",  da  er  den  Hof  des  „terreni  regis"  meidet,  um  sich 
die  „gratiam  coelestis"  zu  bewahren  „. . .  agnovi,  quod  si  quis 
huius  regis  familiariter  habet  gratiam,  habere  non  poterit 
aeternam  vitam."') 

Daß  sich  Heinrichs  Herrschaft  im  Zeichen  der  tyrannis 
befinden  muß,  sieht  unser  Autor  nicht  nur  durch  die  plötz- 
lichen Todesfälle,  die  auf  eine  solche  hinweisen,  sondern  auch 
durch  ein  Naturereignis  und  zahlreiche  Wunder  bestätigt: 
„. . .  enim  in  Magedaburgensi  prato  vidimus  corvos  tarn  acriter 
inter  se  pugnantes  ut  alii  alios  iacere  dimitterent  exani- 
mes  ..."-)•  Der  oberflächliche  Leser  oder  der  Nichtkenner 
jener    mittelalterlichen    Anschauungen    würde    diesen  Bericht 

1)  Bruno,  cap.  76. 

-)  Bruno,  cap.  103. 

3)  Bruno,  cap.  77. 

*)  Bruno,  cap.  78. 

5)  Bruno,  cap.  80. 

'')  Bruno,  cap.  81. 

■)  Bruno,  cap.   13. 

»)  Bruno,  cap.  40. 


—  33  — 

vielleicht  als  nebensächlich  bezeichnen  und  übersehen.  Aber 
gerade  auf  solche  Phänomene  legt  der  mittelalterliche  Autor, 
so  auch  Bruno,  einen  großen  Wert,  weil  er  aus  derartigen 
Vorfällen  Schlüsse  auf  den  Charakter  der  Zeit  und  der  Per- 
sönlichkeiten, besonders  des  jeweiligen  Regiments  und  der 
komm.enden  Ereignisse,  ziehen  kann.  „Pax  omnium  rerum  est 
tranquillitas  ordinis."')  Weil  durch  den  Kampf  der  Raben  auf 
der  Magdeburger  Wiese  die  pax,  der  Zustand  des  Gleichge- 
wichts in  der  Natur,  gestört  wird,  sieht  Bruno  ein  kommendes 

Unglück  voraus:   , multa  per  Saxoniam  signa  fieri  vidimus, 

ex  quibus  mala  quae  post  venerunt  praescire  potuimus."-') 

Wie  gesagt,  geben  auch  die  Wunder  unserem  Geschicht- 
schreiber einen  deutlichen  Aufschluß  über  den  Charakter  der 
Zeit;  denn  in  den  Wundern  gibt  Christus  selbst  seinen  Willen 
kund,  weil  sie  in  seinem  Namen  geschehen:  „nam  etiam  nunc 
fiunt  miracula  in  eius  nomine,  sive  per  sacramenta  eins  sive 
per  orationes  vel  memorias  sanctorum  eius  . .  ."^)  Sie  sollen 
namentlich  zur  Warnung  der  Gläubigen  dienen,  sie  auffordern, 
vor  dem  Wirken  des  Teufels  auf  der  Hut  zu  sein. 

Unter  diesem  Gesichtspunkte  betrachtet  auch  Bruno  die 
Wunder,  wenn  er  sagt:  „quia  sacratiora,  non  minus  futurorum 
praesaga,  narranda  habeo."*)  Denn  Episcoporum  nostrorum 
virgae  pastorales,  aere  sereno,  immo  aestivo  calore  perusto, 
stantes  in  capellis  ita  madescebant,  ut  aqua  sua  manum  suam 
implerent,  si  quis  eas  accipiebat.  In  Stidaraburg  erat  lignea 
Liiristi  in  cruce  pendentis  imago,  quae  eodem  tempore  tanto 
sudoris  in  aestivis  diebus  manabat  fiuvio,  ut  nee  mappulis  tersa 
sudare  quicscerel:,  et  vascula  nonnulla  suscepto  sudore  impleret. 
Werinherus  Merseburgensis  episcopus,  dum  sacra  missarum 
solemnia  celcbraret,  et  more  solito  sanguini  dominico  partem 
corporis  Christi  imponeret,  fundum  calicis  pars  illa  petebat, 
ac  si  caro  Christi  in  plunibum  versa  fuisset.'')  Aus  diesen 
Wundern  und  namentlich  daraus,  daß  sich  Christus  selbst  im 
Sakramente    einem  Priester    sichtbar    gezeigt  hatte,    schließt 


1)  Augustinus,  De  civit.  [)ei  XIX,   13. 

-)  Bruno,  cap.  40. 

^)  Augustinus,  De  civit.  De!  XXII,  8. 

■•)  Bruno,  cap.  40. 

■')  Bruno,  ibid. 

K.   Nowatzki,  Brunos  Liber  de  hello  Saxonico. 


—  34  — 

Bruno  auf  eine  böse  Zukunft:  Ouidam  presbyter  ...  dum  in 
sacramentorum  confectione  venisset  ad  communionem,  calice 
levato  vidit  vinum  non  solum  spiritualiter,  sed  et  visibiliter,  in 
sanguincm  conversum  . . .  Quae  omnia  quid  significasse  pute- 
nuis,  nisi  laborem,   quem  post  experti   sumus.') 

Mit  ganz  anderen  Strichen  zeichnet  Bruno  die  Sachsen, 
in  denen  er  die  Vertreter  der  c  i  v  i  t  a  s  D  e  i  erbHckt.  Sie  ver- 
folgen keine  irdischen  Ziele  wie  die  Kinder  des  Teufels,  die  nur 
„secundum  hominem"-)  leben;  ihr  Streben  ist  nur  auf  Gott 
gerichtet,  zu  dem  sie  sich  in  Glück  und  Unglück  im  Gebete 
erheben.  „. . .  omnis  populus  omnipotenti  Deo  . . .  laudes  unani- 
miter  reddebat"  wegen  der  wunderbaren  Befreiung  des  Her- 
zogs Magnus  sonabat  ex  ore  totius  Saxoniae  Deo  gratias 

de  Magni  ducis  admirabili  liberatione."-')  Den  Erzbischof  Sieg- 
fried von  Mainz  führen  die  Sachsen  „hymnos  Deo  cantantes"*) 
in  ihr  Land  zurück,  und  die  Frömmigkeit  des  Bischofs  Bur- 
chard  wird  besonders  hervorgehoben;  „. . .  non  in  vanis  con- 
fabulationibus  occupatur,  sed  cor  cum  tota  devotione  levat  ad 
Deum  . .  ."^) 

Nach  jedem  Siege  gilt  ihr  erster  Gedanke  Gott  „. . .  non 
sine  multo  fletu  multas  laudes  unanimiter  Deo  reddide- 
runt  . . ."") 

„In  divina  laude"0  finden  wir  sie  nach  der  Schlacht  bei 
Mellrichstadt  und   „Victores   . . .  Saxones   reversi,    multas   . . 
laudes  referebant  omnium  bonorum  largitori."^)    „. . .  uterque 
. . .  Deo  laudes  cantans  ad  sua  revertitur  (cap.  88). 

Aber  auch  nach  einer  Niederlage  verzagen  sie  nicht,  son- 
dern erblicken  in  ihr  nur  eine  Heimsuchung  Gottes:  „Nam  post- 
quam  recessit  (seil.  Heinricus),  Saxones  iterum  congregantur, 
Dcumque  quod  eos  misericorditer  castigans,  non  penitus 
opprimi  pcrmiserit,  humili  devotione  collaudant,  et  se  invicem, 
quatenus  unanimiter  pro  sua  libertate  tota  virtute  pugnent,  ad- 


1)  Bruno,  cap.  40. 

-)  Augustinus,  De  civil.  Dei  XIV,  4. 

•^)  Bruno,  cap.  22. 

^)  Bruno,  cap.  101. 

5)  Bruno,  cap.  83. 

'')  Bruno,  cap.  101. 

')  Bruno,  ibid. 

'^)  Bruno,  cap.   1 17. 


—  35  — 

hortantur;  Deiqiie  misericordiam  non  ex  toto  sibi  sublatam  indc 
coniectant,  quia  quasi  paterna  pietate  flagellati,  ad  recipiendam 
virtutem  discessu  regis  oportunum  tempus  acceperant,'") 
Worte,  die  ohne  weiteres  an  Augustin,  die  er  dem  Psalm  88, 
33.  34  entnimmt,  erinnern:  „Visitabo  in  virga  iniquitates  eorum 
et  in  flagellis  peccata  eorum;  misericordiam  autem  meam  non 
dispergam  ab  eis."-)  Nach  ihren  iniquitates  auf  der  Harzburg 
zeigen  sich  die  Sachsen  „humihter"  und  sehen  die  Herrschaft 
Heinrichs  nur  als  eine  Strafe  Gottes  für  ihren  Hochmut  an 
(Kap.  41  und  45),  und  sie  wenden  sich  an  seine  Fürsten  „cum 
ab  eo  (seil.  Heinrico)  nullum  pietatis  responsum  accepissent, 
et  eum  de  sua  tantum  pcrditione  modis  omnibus  tractare  cog- 
novissent . . .  et  eos  (seil,  prdincipes),  ut  animum  regis  sibi  pla- 
care  velint,  humiliter  petunt,"'*)  aber  der  König  will  nur  mit 
dem  Schwerte  eine  Entscheidung  herbeiführen,  „. . .  cum  Sa- 
xonibus  non  verbis  sed  ferro  disputare  velle . .  .",*)  und  nach 
ihrer  Niederlage  bitten  sie  ihn:  ,.ut  vel  nunc  Deo  de  sua  gloria 
gratias  agerent,  et  fratribus  suis  in  Christo  pro  Christi  nomine 
vel  victis  parcerent."^) 

Einen  großen  Teil  ihres  Unglücks  schreibt  der  Autor  einem 
Abweichen  von  den  Pflichten  eines  Gottgerechten,  ihrer  perfidia 
den  Schwaben  gegenüber  zu:  „Quod  foedus  Saxones  si  fidehter 
servassent,  et  ab  infamia  perfidiae  et  a  magna  parte  calamitatis 
liberi  fuissent,"")  und  „Quod  si  aut  illud  non  fecissent,  aut 
in  ilio  faciendo  Suevos  sibi  associassent,  et  perfidiae  nota 
carerent,  et  non  tam  multos  hostes  saevissimos  habe- 
rent.'") 

Aber  alle  Heimsuchung  haben  sie  reuig  überstanden,  über- 
all verspüren  sie,  die  Verehrer  der  civitas  Dei,  göttliche  Hilfe.®) 

Gehorsam  sind  die  Untergebenen  der  Obrigkeit  schuldig, 
solange    es    der  Gehorsam    gegen  Gott    erlaubt:    „Noli  mihi 


1)  Bruno,  cap.  53. 

2)  Augustinus,  De  civit.  Dei  I,  7. 
■'')  Bruno,  cap.  41. 

^)  Bruno,  cap.  46. 
■')  Bruno,  cap.  47. 
•i)  Bruno,  cap.  17. 
")  Bruno,  cap.  .31. 
**)  cf.  p.  40  m.  Dissert. 


36 


lesistere.  quia  omnis  postestas  a  Deo  est.  Non  etiam  contem- 
nendae  sunt  potestates,  sive  mundi,  sive  Ecclesiae  sint,  quia 
omnes  a  Deo  ordinatae  sunt."0 

In  dieser  Auffassung  bewegt  sich  auch  Bruno,  wenn  er 
immer  wieder  die  Sachsen  vor  Heinrich  gehorsam  erscheinen 
läßt,  trotzdem  sie  so  viel  Ungemach  von  ihm  erfahren  haben: 
„illi  (seil.  Saxones)  nil  dubitahtes,  quo  sunt  vocati  venerunt. 
quo  nee  venire  cessarent,  si  nullius  causae  interpositione  sim- 
plici  praecepto  regem  adire  iussi  fuissent."-)  Sie  sehen  in  ihm 
die  von  Gott  eingesetzte  Obrigkeit,  und  daher  kündigen  ihm 
die  Bischöfe  von  Magdeburg  und  Merseburg  den  Gehorsam 
nicht.  ,,. . .  Werinherus  Magedaburgensis,  et  eiusdem  nominis 
Merseburgensis  episcopus;  qui  cum  possent  invito  rege  sicut 
alii  repatriare.  nolebant,  quia  in  illo  licet  impio.  Deum.  a  quo 
est  omnis  potestas,  offendere  timebant."*) 

Ja  die  Sachsen  überliefern  sich  sogar  der  königlichen  Ge- 
walt, weil  Heinrich  eben  versprochen  hat  „tota  Saxonia  quieta 
staret  in  pace.'"^)  Aber  seiner  Natur  nach  „sui  non  oblitus"')  hat 
der  König  sein  Wort  ..cum  pace  et  pietate  venire,  omnesque 
suas  iniurias  oblivioni  perpetuae  tradere"**)  nicht  gehalten,  um 
sein  Land  hat  er  sich  nicht  gekümmert:  „Nam  ille  (seil.  Hein- 
ricus)  cubilis  sui  foribus  clausis.  intus  cum  suis  parasitis  aleis 
vel  ceteris  rebus  nugatoriis  operam  dabat . . .",')  die  lex  iusti- 
tiae  hat  er  ganz  offen  verletzt®)  und  so  viel  iniuriae  über  das 
Land  gebracht,  ad  quas  commemorandas  nee  pagina  sufficit 
nee  memoria'"*);  da  erscheint  das  Maß  seiner  Ungerechtigkeit 
voll,  da  hört  die  Pflicht  des  Gehorsams  auf,  da  erheben  sich 
die  Sachsen,  sowohl  die  geistlichen  als  auch  die  weltlichen 
Fürsten,  und  schwören  einen  feierlichen  Eid  .,. . .  episcopi  qui- 
dem  ut  . . .  totis  viribus  ecclesiarum  suarum  necnon  et 

M  Augustinus,  Sermo  V,  aci  fratres  in  eremo,  (Migne  40,   1244.) 

-)  Bruno,  cap.  37. 

3)  Bruno,  cap.  86. 

^)  Bruno,  cap.  54. 

»^  Bruno,  cap.  33. 

••)  Bruno,  cap    55. 

'^)  Bruno,  cap.  23. 

^)  cf.  p.   15  m.  Dissert. 

•')  Bruno,  cap.  26. 


37 


totius  Saxoniae  1  i  b  e  r  t  a  t  c  m')  contra  homines  defenderent; 
laici  vero,  ut  quamdiu  viverent  1  i  b  e  r  t  a  t  e  m  suam  non  amit- 
terent  terramque  suam  nuUum  deinceps  violenter  prae- 
dari  permitterent".-')  und  im  Kapitel  21  lesen  wir:  „se  liber- 
tatem  suam  sive  bona  sua  contra  omnium  hominum  v  i  o  1  e  n- 
t  i  a  m  cum  divinae  pietatis  auxilio  volle  defendere" 
und  im  Kap.  54  „. . .  Saxones  . . .  cum  non  minore  venerunt 
exercitu,  iam  non  sicut  antea  fugaces  terga  daturi,  sed  for- 
titer  pro  sua  libertate  pugnaturi,  ita  ut  eam  vel  Dei 
auxilio  firmiter  retinerent,  vel  cum  vita  simul  amit- 
terent." 

Die  Forderungen  des  Königs  („magis  importunitate 
devicto  (seil,  rege)  quam  pietate  molito""))  sich  ohne  alle 
Bedingung  seiner  Gewalt  zu  überantworten,  lehnen  sie  ganz 
entschieden  ab;  „quia  nullius  eum  pietatis  esse  saepe  experti 
fuerant;"")  denn  seine  Absicht  geht  ja  dahin  „populumque 
totum  vel  rebellem  gladio  devoranduni  daret,  vel  humilem 
perpetuae  s  e  r  v  i  t  u  t  i  subiceret."') 

Ihr  Handeln  entspricht  ganz  und  gar  der  Anschauung  des 
großen  Kirchenvaters,  der  den  Frieden  mit  einem  Tyrannen 
als  einen  falschen  als  einen  Scheinfrieden  betrachtet,  den  zu 
stören  geradezu  Pflicht  des  rex  iustus  ist.")  Aus  dieser  tiefen 
Überzeugung  von  der  Wahrheit  der  Augustinischen  Lehre 
tadelt  auch  der  Autor  im  Kap.  117  die  Friedensliebe  der  Sach- 
sen, weil  sie  sich  dem  Teufelsherrscher  gegenüber  betätigt. 
Infolge  ihrer  Friedensliebe  haben  sie  der  Tyrannis  Vorschub 
geleistet  und  ihre  Freiheit  verloren:  „Illaesi  (seil.  Saxones) 
vero  dum  laesis  auxilium  ferre  negligebant,  t  y  r  a  n  n  i  d  i  vires 
in  se  ipsos  tribuebant."^) 


1)  Llbertas  ist  zwar  in  politischem  Sinn  gesagt,  hat  aber  doch  den 
Nebensinn  des  Aiij^iistinus  im  Gegensatz  zur  servitus,  die  Kennzeichen 
der  Tyrannenherrschaft  ist. 

Über  den  Begriff  der  Mbertas  handelt  ausführlich:  .loh.  Lange,  Das 
Staatensystem  Gregors  Vll.  auf  Grund  des  augustinischen  Begriffes  von 
der  „iibertas  ecclesiae".     Diss.  Greifswald  1915. 

-j  Bruno,  cap.  26. 

•')  Bruno,  cap.  43. 

»)  Bruno,  ibid. 

■')  Bruno,  cap.  54. 

•5)  cf.  p.  5  m.  Dissert. 

")  Bruno,  cap.   16. 


—  38  — 

Weil  nun  Rudolf  nach  seiner  Wahl  zum  Könige  nicht  un- 
tätig zu  Hause  liegt,  sondern  sein  Schwert  ergreift,  um  gegen 
die  superbia  zu  kämpfen,  „ut . . .  hosti,  qui  de  victoria  super- 
b  u  s  tumebat,  arrogantiam  minuerent,"0  offenbart  er  sich 
unserem  Autor  so  recht  als  der  augustinische  rex  iustus.-')  Und 
im  Kapitel  94  nennt  er  ihn  ausdrücklich  „. . .  rex  christianus, 
Deum  timens  . . ." 

Vor  allem  soll  der  neugewählte  König  die  Simonie  be- 
kämpfen „quaedam  . . .  causae  . . .  quas,  quia  i  n  i  u  s  t  e  viguerant 
dcberet  emendare,  scilicet  ut  episcopatus  non  pro  pretio  nee 
pro  amicitia  daret,  sed  unicuique  ecclesiae  de  suis  electionem, 
sicnt  iubent  canones,  permitteret."^) 

Sein  Tun  und  Handeln  ist  durchaus  nach  den  Grundsätzen 
eines  wahrhaft  christlichen  Herrschers;  er  nimmt  Würzburg 
nicht  ein  aus  Rücksicht  auf  die  Kirchen,  die  durch  eine  Er- 
stürmung der  Stadt  hätten  zerstört  werden  können  (Kap.  94 
und  95).  Welch  ein  Kontrast  ist  hier  zwischen  ihm  und 
Heinrich!*) 

„Devotione  multa"')  feiert  er  das  Hauptfest  der  Apostel- 
fürsten Petrus  und  Paulus,  und  als  er  am  Sumpfe  Grona 
schwer  verwundet  wird,  ist  er  nicht  auf  seine  eigne  Rettung 
bedacht,  sondern  steht  den  verwundeten  Kriegern  mit  Rat 
und  Tat  zur  Seite,  so  daß  er  sich  durch  diese  „fortitudine  . . . 
et  pietate'*")  die  Herzen  aller  Sachsen  erworben  hat,  „nunc,  ait 
(seil.  Rodulfus),  laetus  patiar  vivus  et  moriens,  quicquid  voluerit 
Dominus. "0 

Über  solch'  einem  Herrscher,  der  sich  die  iustitia  und 
humilitas  auf  sein  Banner  gesetzt  hat,  waltet  stets  die  dementia 
dei  und  kennzeichnet  ihn  vor  aller  Augen  als  Vertreter  des 
Gottesstaates. 


1)  Bruno,  cap.  93. 

-)  Über  den  „rex  iustus"  handelt  ausführlich  Hugo  Tiralla,  Das 
augustinische  Idealbild  der  christlichen  Obrigkeit  als  Quelle  der  „Fürsten- 
spiegcl"  des  Sedulius  Scottus  und  Hincinar  von  Reims.  Dissert  Greifs- 
wald 1916. 

3)  Bruno,  cap.  91. 

^)  cf.  p.  18  m.  Dissert. 

•'')  Bruno,  cap.  93. 

'^)  Bruno,  cap.  124. 

■^j  Bruno,  ibid. 


39 


So  wird  Rudolf  durch  Gottes  Vorsehung  am  Tage  seiner 
Salbung  vor  den  Anhängern  des  Exkönigs,  die  ihm  nach  dem 
Leben  getrachtet  haben,  beschützt,  und  sie  selbst  erscheinen 
am  folgenden  Tage  und  bitten  ihn  wegen  ihrer  Freveltat  um 
Verzeihung  „. . .  omnes  ex  urbe  maiores  ante  regem  supplices 
venerunt,  et  de  m  a  1  i  t  i  a  quam  fecerant,  supplicia  quae  rex 
volebat  accipere  dederunt . .  ."^)  ..Mirabiliter'"  hat  Gott  den 
Herzog  Magnus  aus  der  Gefangenschaft  befreit  „. . .  hunc  (seil. 
Magnum)  divina  pietas  liberavit"-)  und  auf  gleiche  Weise  hält 
der  Allmächtige  seinen  Schild  über  Otto  von  Nordheim 
„. . .  quem  (seil.  Ottonem)  Christus  . . .  mirabiliter  eripuit."^) 

Ganz  besonders  zeigt  sich  die  miseriocordia  Dei  an  Bern- 
hard, dem  Archidiakon  des  päpstlichen  Stuhles,  an  Siegefrid, 
dem  Erzbischof  von  Mainz,  und  an  Adalbert,  dem  Bischof  von 
Worms,  die  in  dem  Kampf  bei  Mellrichstadt  in  die  Gewalt 
des  Tyrannen  gekommen  sind,  „. . . .  duos  illos  (seil.  Sigefridus 
-Bernhardus) . . .  eripuit  Dei  dementia,  tertius  iste  (seil. 
Adalbertus)  perductus  est  in  Heinrici  crudelis  tyranni 
praesentiam;  qui  tamen  longe  post,  invito  tyranno 
divina  liberatur  m  i  s  e  r  i  c  o  r  d  i  a."*) 

Von  Bischof  Burchard  heißt  es  im  Kap.  83:  „. . .  Burchar- 
dus  . . .  mirabiliter  a  miserabili  damnatione  . . .  divina  pietate 
liberatus . . ."  Nur  „Dei  misericordia  comitante"  entgeht  er 
dem  Teufelsfürsten.  Durch  die  Fürsprache  der  Heiligen  läßt 
Gott  der  Stadt  Magdeburg  und  dem  ganzen  Bistum  seinen 
Schutz  angedeihen :  „. . .  Deus  omnipotens  . . .  per  sanctorum 
merita  . . .  magnam  misericordiam  ostendit,  et  ipsam  urbem 
. . .  a  c  r  u  d  e  1  i  regis  invasione  ...mirabiliter  defendit . . ." 
„Nam  cuidam  ancillae  Dei  ante  proelium  per  visionem  fuerat 
revelatum,  si  caput  sancti  Sebastiani,  quod  in  eadem  civitate 
cum  multa  veneratione  habetur,  circa  terminos  episcopii  fuisset 
portatum  eosdem  terminos  nullus  possct  intrare  hostium."^)  Und 
als   der  König  sich   ihrem   Bistum   nähert   „. . .  d  i  v  i  n  o   nutu 


M  Bruno,  cap.  92. 

■-)  Bruno,  cap.  22. 

■')  Bruno,  cap.  57. 

')  Bruno,  cap.  96. 

•'')  Bruno,  cap.  .52. 


—  40  — 

perterritus  rediens  (seil.  Hciiiricus).  nusquain  illud  episcopiuni 
intravit.'") 

Die  Sache  der  Sachsen  ist  causa  iustitiae,  sogar  die  An- 
hänger Heinrichs  sehen  ein,  daß  die  gerechte  Sache  bei  den 
Sachsen  sei:  ..Mihtes  . . .  partis  adversae  conclamant . . .  se  post- 
hac  ad  pugnandum  minus  fore  paratos  quam  actenus  fuissent, 
quia  causam  iustitiae  cum  Saxonibus  esse  cognovissent . . ." 
„quia  . . .  nostros  humiliter  iustitiam  postulare  simul 
et  offere,  ipsi  praesentes  audissent."  cap.  128.  Und  daß  sie 
in  der  Tat  einen  gerechten  Krieg  führen,  einen  Krieg  gegen 
die  civitas  diaboH,  findet  Bruno  ganz  besonders  dadurch  be- 
stätigt, daß  während  ihrer  Abwesenheit  im  Kampfe  mit  Hein- 
rich die  Heiden  in  ihr  Land  nicht  eingefallen  sind.  „Eodem  . . . 
tempore  . . .  clementiam  Dei  cognovimus."  „. . .  nisi  Dens  eos 
(seil,  paganos)  mirabili  sua  pietate,  velut  genuinae  crudelitatis 
oblitos,  intra  proprios  fines  quasi  clausos  iuberet  quiescere."-) 
Auch  die  deutschen  Fürsten,  die  Heinrich  um  Hilfe  anruft,  wei- 
gern sich  gegen  die  Sachsen  zu  kämpfen,  „. . .  quia  q  u  a  n  t  a  s 
calamitates  Saxonibus  intulisset,  pene  omnes  noverant: 
praesertim  quia  eadem  mala  etiam  Suevis  et  orientalibus 
Francis  inferre  voluerat."*) 

In  der  Schlacht  bei  Flarcheim  erkennen  sie  deutlich  gött- 
liche Hilfe;  denn  die  Aufstellung  der  Heere  ändert  sich  zu  ihren 
Gunsten;    „Nani  novissimi  fiunt  primi,  et  primi'*)  novissimi."^) 

Sichtlich  verhilft  Gott  den  Kindern  der  civitas  Dei  zum 
Siege.  In  der  festen  Überzeugung,  daß  „Deo  non  est  difficile 
multos  in  paucis  vincere"**),  greift  Herzog  Otto  die  Feinde  an 
und  schlägt  sie  in  die  Flucht,  „Deo  dante  illis  spiritum 
timoris . .  ."0,  während  sich  schon  im  feindlichen  Lager  die 
„f  a  1 1  a  X  fama"  verbreitet  hatte,  „quae  Saxones  esse  victos 
ore  mendacii  nuntiaret."®)    Die  Herzöge  Berthold  und  Rudolf 


1)  Bruno,  cap.  52. 

-)  Bruno,  cap.  32. 

3)  Bruno,  cap.  30. 

*)  Im  Sinne  des  Bibelwortes,  Markus  10,  31. 

5)  Bruno,  cap.   117. 

•>)  Bruno,  cap.  122 

")  Bruno,  ibid. 

*)  Bruno,  ibid. 


41 


sind  ,:divina  pietate"  bestimmt  worden,  nicht  mehr  contra 
Saxonum  innocentiam  zu  kämpfen.  (Kap.  54).  „Dei  misericordia 
faciente"  wird  Herzog  Otto  veranlaßt,  die  Treue  den  Sachsen 
zu  bewahren.  ,Jü:itur  ad  se.  gratia  Dei  movente,  reversus,  se 
peccasse  et  divina  pietate  correptum  esse  intellexit."  ...  et 
civibus  suis  se  sempcr  fore  fidelem  et  concordem  fideUter 
repromisit"  (Kap.  131). 

Die  Sachsen  ziehen  auch  „cum  Dei  adiutorio'")  in  den  Krieg 
und  mit  den  Worten:  „Sancte  Petre!"-)  stürzen  sie  sich  auf 
den  Feind,  sie  wollen  eben  alle,  die  nicht  gemeinsame  Sache 
mit  ihnen  machen  „dira  bellorum  tribulatione"'')  vernichten. 
Deshalb  schicken  sie  Gesandte  an  die  Schwaben,  um  das  alte 
Bündnis  zu  erneuern  „. . .  cum  audissent,  quod  Suevos  tam 
crudeliter  antiquum  foedus  infregisse  poenituit,  ad  eos  legatos 
de  renovando  foedere  mittere  complacuit;  ut  iterum  con- 
venientes  in  unum,  inimicitiarum  acerbitatem  multa  dilectiones 
suavitate  superarent,  et  invicem  sibi  donantes,  contra  commu- 
nem  omnibus  hostem,  uno  de  se  rege  facto,  concorditer  sta- 
rent."")  Und  beide  Parteien  geben  einander  zum  Zeichen  des 
Friedens  „pacis  oscula."'^') 

Ganz  deutlich  sieht  Bruno  in  ihnen  die  Kinder  Gottes,  wenn 
er  sie  als  ..populus  ecclesiae"  bezeichnet,  und  ist  daher  über 
das  Zögern  des  Papstes  aufs  höchste  erstaunt")  „. . .  ei  (seil. 
Gregorio)  iitteras  iterum  miserunt,  ut  quia  non  primo  quasi 
galli  cantu  . . .  saltem  cum  secundo,  quasi  gallus,  p  o  p  u  1  u  s 
ecciesiac  voccm  darct.  a  torpore  dubitationis  ad  constan- 
tiam  Petri  cum  Petro  suscitatus  exsurgeret."^) 

Sie  kämpfen  für  die  civitas  Dei,  und  so  beten  sie  vor  der 
Schlacht  am  Sumpfe  Grona  ,, .multa  devotione"**)  den  82.  Psalm, 
wiederum  ein  höchst  markantes  Zeichen,  daß  Bruno  in  der 
Gegenpartei  den  Anhang  des  Teufels  erblickt;    denn  in  dem 


')  Bruno,  cap.  121. 

-)  Bruno,  cap.  97. 

=')  Bruno,  cap.  96. 

')  Bruno,  cap  87. 

')  Bruno,  cap.  88. 

")  cf.  p.  26  ni.  Dissert. 

')  Bruno,  cap  109. 

^)  Bruno,  cap.  122. 


42 


82.   Psalm  wird  Gott  um  Hilfe  wider  die  Feinde  der  Kirche 
angerufen,  wider   die  socii   sathanae. 

Und  da  Wilhelm  mit  dem  Beinamen  der  König  und  Frie- 
drich vom  Berge  sich  an  dem  Kampfe  gegen  Heinrich  nicht 
beteiligen,  sondern  ihr  Vaterland  treulos  im  Stiche  lassen  und 
„ad  hosten!  patriae  regem"  übergehen,  leben  sie  .,apud  utros- 
que  viles  et  infideles,  despecti  et  miseri.'")  Während  die  An- 
hänger des  Königs  eines  unnatürlichen  Todes  gestorben  sind,'-) 
entschläft  Rudolf,  der  sich  in  allem  als  ein  wahrer  Verehrer 
der  civitas  Dei,  als  ein  rex  christianus  gezeigt  hat,  eines  seligen 
Todes,  „f  e  1  i  c  i  est  morte'')   resolutus."^) 


1)  Bruno,  cap.  45. 

2)  cf.  p.  .30  m.  Dissert. 
■')  Bruno,  cap.   124. 

••)  Warum  ihm  Gott  das  Leben  nicht  gelassen  hat,  erklärt  der  Autor 
nicht.  Sein  Tod  kann  aber  nicht  als  eine  Qottesstrafe  angesehen  werden, 
was  man  im  ersten  Augenblick  annehmen  könnte;  denn  er,  der  der  Vor- 
kämpfer der  civitas  Dei  gewesen  ist,  empfängt  eben  erst  durch  den  Tod 
seinen  schönsten  Lohn,  was  ja  das  Epitheton  „felici"  am  deutlichsten 
beweist. 


III.   Die  Auffassung  in  den  Reden. 

In  die  Reden,  die  wir  in  Brunos  Werk  angeführt  finden,  liat 
der  Autor  mehr  oder  weniger  seine  Ansicht  hineingelegt  und 
sie  nach  seinem  Sinne  zugeschnitten.  Sie  aber  als  rein  rhe- 
torische Übungen  des  Verfassers  anzusehen,  wie  es  Watten- 
bachO  und  Ranke-)  tun,  wäre  zu  weitgehend. 

Wohl  ist  die  Anschauung  des  großen  Kirchenvaters  in 
allen  Reden  vertreten,  doch  ist  in  der  ersten,  die  Otto  von 
Nordheim  im  Namen  der  Fürsten  an  die  versammelten  Sachsen 
hält,  das  augustinischc  Moment  sehr  im  Hintergrund  geblieben. 
Wenn  auch  Heinrich  in  ihr-')  als  der  rex  iniustus  erscheint, 
so  ist  doch  das  christliche  Moment  nur  in  den  Wendungen 
„  . .  si  Deus  omnipotens  permittet  . . ."  und  „nisi  misericordia 
Dei  prohibuerit  . . ."  zu  finden,  wodurch  seine  Taten  als  nicht 
gottgefällige  charakterisiert  werden.  Vielmehr  ist  bei  dieser 
Ansprache  das  germanische  Gegenseitigkeitsverhältnis  betont, 
was  einem  Laien  wie  Otto  besonders  nahe  liegt.  Seine  Pflicht 
als  König  und  Lehnsherr  hat  Heinrich  in  jeder  Weise  verletzt: 
„Calamitates  et  contumeliae  . . .  magnae  sunt  et  intolerabiles." 

filiabus  vestris  et  uxoribus  pro  sua  libidine,  quando  vo- 

lunt,  abutuntur;  vestros  scrvos  et  iumcnta,  quicquid  volunt, 
sibi  servire  praecipiunt;  immo  et  vos  ipsos  in  liberis  humeris 
vestris  quaelibet  onera.  licet  foeda,  portare  compellunt." 
„. . .  Nonne  emori  per  virtutem  praestat.  quam  vitam  miseram 
et  inhonestam,  ubi  illorum  superbiae  ludibrio  fueritis. 
per  dedecus  amittere?  Servi  aere  parati  i  n  i  u  s  ta  imperia  do- 
minorum  non  perferunt,  et  vos  in  libertate  nati,  aequo  animo 
servitutem  tolerabitis?" 

M  cf.  Wattenbach,  Geschichtsschreiber,  loc.  cit..  p.  XVI. 
'-)  cf.  Ranke,  loc.  cit.,  p.  129. 
3)  Bruno,  cap.  25. 


44 


Daher  sehen  sich  die  C-achsen  an  den  Eid  den  sie  ihm  einst 
geleistet  haben,  nicht  gebunden;  denn  „dum  mihi  rex  erat, 
et  ea  quae  sunt  regis  faciebat,  fidehtatem  quam  ei  iuravi.  in- 
tegram  et  impoHutam  servavi;  postquam  vero  rex  esse  desivit, 
cui  fidem  servare  deberem,  non  fuit.  Itaque  non  contra  regem, 
sed  contra  iniustum  meae  hbertatis  ereptorem,  non  contra 
patriam  sed  pro  patria  et  pro  Hbertate  mea,  quam  nemo  bonus 
nisi  cum  anima  simul  amittit,  arma  capio,  et  ut  vos  ea  mecum 
capiatis  expostulo." 

Diese  reah:)oHtischen  Motive  stimmen  der  Natur  der  Sache 
nach  natürhch  mit  Brunos  Anschauung  von  Hemrich  überein, 
was  auch  May  sicherlich  meint,,  wenn  er  sagt:  „Die  Rede 
Herzog  Ottos  ...  hat  das  Eigentiimhche,  daß  sie  auch  nicht 
einen  einzigen  neuen  Gedanken  enthält."^  Aber  May  hat  die 
Grundanschauungen  jener  Zeit  unberücksichtigt  gelassen,  wo- 
durch sich  die  Rede  von  dem  Werke,  das.  wie  wir  gesehen 
haben,  ganz  und  gar  auf  augusiinischer  Grundlage  fußt  unter- 
scheidet. Weil  ich  nun  den  augustinischen  Gedanken  in  ihr  so 
stark  vermisse,  und  den  realpoütischen  Gesichtspunkt  betont 
finde,  kann  ich  sie  nicht  als  bloßes  Machwerk  Brunos  betrach- 
ten, wenn  sie  auch  äußerlich  als  eine  rhetorisch  ausgearbeitete 
Darstellung  des  Verfassers  erscheint,  worauf  besonders  die 
Stellen  aus  der  katilinarischen')  Verschwörung  des  Sallust 
hinweisen,  so  muß  sie  doch  dem  Inhalte  nach,  wie  eben  gesagt. 
Otto  zugeschrieben  werden.  Weshalb  soll  denn  Bruno  von 
der  Rede  keine  Kenntnis  gehabt  haben,  zumal  sein  Herr,  der 
Erzbischof  Werinher  von  Magdeburg,  zu  dessen  vertrauten 
Umgebung  er  gehörte,  an  der  Versammlung  der  Fürsten  teil- 
genommen hatte.*)  Ja,  er  kann  sie  sogar  selbst  mit  seinem 
Herrn  angehört  haben. 

Etwas  anders  erscheint  die  zweite,  kurze  Ansprache 
Ottos  zu  beurteilen  zu  sein.  In  dieser  Rede,  in  der  Otto  von 
Nordheim  (cap.  128)  das  Friedensangebot  der  feindlichen  Partei 
ablehnt,  weil   es  nur   ein   Scheinfrieden   ist")  überwiegt  mehr 


1)  May,  loc.  cit.,  p.  345. 

-)  cf.  May,  loc.  cit.,  p.  344  sqq. 

3)  Bruno,  cap.  26. 

*}  cf.  p.  5  m.  Dissert.  über  den  Scheinfrieden. 


45 


das  christliche  Moment,  wodurch  sie  sich  von  Ottos  erster') 
wesenthch  unterscheidet,  so  daß  es  scheint,  daß  Bruno  hier 
mehr  seine  eigene  Anschauung  hat  zu  Worte  kommen  lassen. 
Die  Sachsen  fühlen  sich  hier  als  eine  unzertrennliche  Einheit 
mit  dem  Papste  und  wollen  ihn  jederzeit  beschützen.  ,.Itane 
(dixit  Otto)  nos  stolidos  esse  putatis,  ut  non  intelligamus  con- 
silium  vestrae  calliditatis?  Petitis  vestris  partibus  a  nobis' 
pacis  securitatem,  donec  apostolicam  possitis  inhonorare  digni- 
tatem;  et  nobis  pacem  vestram  promittitis,  donec  illum,  qui 
nostrum  caput  est,  pro  vestro  libitu,  si  Deus  permiserit,  male 
tractetis.  O  quam  bona  pax  datur  corpori,  dum  crudeliter  ab- 
sciso  crudelius  illuditur  capiti!"  Sie  wollen  einen  wahren  Frie- 
den haben  und  einen  Führer,  der  sie  mit  Gottes  Hilfe  „ad- 
iuvante  Deo"  gegen  alle  Angriffe  tapfer  verteidigen  kann, 
„Ergo  nobis  et  nostris  omnibus  date,  et  vobis  et  vestris  Om- 
nibus accipite,  pacem  aut  integram  aut  nullam."  ...  „. . .  Nam 
hoc  nolumus  vos  celare  quod  cum  primo  poterimus,  unum 
rectorem  volum.us  habere,  qui  et  nos  ab  i  n  i  u  r  i  i  s  fortiter 
adiuvante  Deo  defendat,  et  his  qui  nobis  i  n  i  u  r  i  a  s  fece  • 
runt  aequitatis  vicem  rependat." 

Gänzlich  dagegen  ist  die  kurze  Ansprache  der  bei- 
den Fürsten  Hermann  und  Thiedrich  cap.  84  als  ein  rheto- 
risches Produkt  des  Verfassers  zu  bezeichnen;  schon  daß 
die  beiden  Reden  in  eine  zusammengezogen  sind,  nötigt  uns 
zu  dieser  Annahme.  Und  dazu  kommt,  daß  wir  uns  in  dieser 
Rede  vollständig  im  Bannkreis  Augustins  befinden.  „Nolite, 
. . .  optimi  Saxones.  nolite  servitutis  iuga  recipere  . . .  nolite  de 
misericordia  Dei  desperare,  . . .  Dei  dementia,  illo 
qui  nos  tenebat  invito  redimus.  . . .  Erigite  . . .  cervicem  . . . 
adiuvante  Deo.  Vos  autem  f  a  u  t  o  r  e  s  i  n  i  q  u  i  t  a  t  i  s  qui 
miserae  plebis  oppressione  crudelis  tyranni  gratiam 
quaesistis,  ab  opprimendo  cessate,  ...  et  ex  hac  hora  vel  nobis- 
cum  pro  libertate  pugnaturi  fideliter  et  iurati  permanete,  vel 
in  hac  hora  velut  hostes  infidi  et  periuri  a  nobis  et  a  patria 
nostra  numquam   reversuri  discedite." 

Wie  steht  es  endlich  mit  der  Rede  des  Erzbischofs  Geb- 
hard  von  Salzburg?    (cap.    127).    Sie  ist  ebenso  wie  die  An- 


1)  cf.  p.  43  rn.  Dissert. 


46 


Sprache  der  beiden  Fürsten^  im  augustinischen  Sinne  gefärbt, 
was  sich  aus  dem  folgenden  ergeben  wird.  Trotzdem  muß 
man  hier  das  Urteil,  sie  dem  Geiste  Brunos  allein  zuzuschrei- 
ben.-)  mit  aller  Vorsicht  fällen,  da  ein  Mann  wie  Gebhard  die 
Ideen  Augustins,  dessen  Anschauungen  dem  Mittelalter  sozu- 
sagen in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  sind,  sicherlich  auch 
gekannt  hat,  zumal  er  ein  hoher  geistlicher  Würdenträger  ge- 
wesen ist. 

Ob  Bruno  die  Rede  Gebhards  persönlich  gehört  hat,  ist 
sehr  zweifelhaft,  da  der  Bischof  von  Merseburg,  in  dessen 
Dienste  er  nach  dem  Tode  Werinhers  von  Magdeburg  getreten 
war,  der  Versammlung  nicht  beigewohnt  hatte.^)  Aber  immer- 
hin kann  man  doch  annehmen,  daß  Bruno  über  den  Verlauf  der 
Verhandlungen  und  über  die  Ansprachen  sehr  leicht  von  an- 
deren etwas  erfahren  haben  konnte. 

Im  Vergleich  mit  der  ersten  Rede  (p.  43  m.  Diss.)  tritt 
uns  bei  Gebhard  das  augustinische  Moment  mit  Deutlichkeit 
entgegen.  In  ihr  begegnet  uns  Heinrich  als  ein  ausgeprägter 
rex  iniustus. 

Als  Geistlicher  bringt  Gebhard  in  erster  Linie  die  geist- 
lichen Beschwerden  vor:  „Sacerdotes  namque  non  solum  de 
nullo  crimine  convictos,  sed  nee  regulariter  accusatos,  aut  in 
vincula  sicut  latrones  coniecit  . . ."  „ecclesiarum  bona,  quibus 
episcopi  vel  ipsi  vivere  vel  pauperes  Dei  sustentare  deberent, 
scelerum  suorum  fautoribus  dissipanda  concessit."  Das  ist 
ganz  der  Heinrich  Brunos,  der  rex  iniquus.  Dann  folgen  die 
weltlichen:  „Terram  nostram  multis  iam  vicibus  igni  ferroque 
vastavit;  cognatos  sive  milites  nostros  in  nostris  finibus  inno- 
centes  occidit,  cumnullafuisseteicausabellorum, 
nisi  quod  servos  habere  volebat  filios  hominum  liberorum. 
. .  Multas  nobis  aerumpnas  dominus  vester  Heinricus  c  r  u  - 
d  e  1  i  t  e  r  intulit,  multis  calamitatibus  nos  ultra  modum  fati- 
gavit  . . ." 


1)  cf.  p.  45  m.  Dissert. 

2)  Wattenbach,  Geschichtschreiber  loc.  cit.,  p.  173  unten  und  Ein- 
leitung, p.  XVI. 

^)  Bruno,  cap.  126.  Hier  nennt  der  Autor  die  einzelnen  Bischöfe, 
die  an  der  Versammlung  teilgenommen  haben,  übergeht  aber  den  Bischof 
von  Merseburg,  so  daß  man  annehmen  kann,  daß  Werinher  dieser  Ver- 
sammlung nicht  beigewohnt  hat. 


—   47   - 

Gebhard.ist  fest  davon  überzeugt,  daß  die  Sachsen  „inno- 
centes"  sind,  und  er  erinnert  geistliche  und  welthche  Fürsten 
an  ihre  Pflichten  „. . .  humiliter  supplicamus,,  ut  memores 
omnipotentis  Dei  vestrique  officii,  vos,  quod  estis  animarum 
pastores  non  perditores  vocati,  vos  vero,  quod  gladiuni  ad  dc- 
fensionem  non  ad  internicionem  accepistis  innocentum,  cogi- 
tetis,  et  nos  vestros  fratres  in  Christo,  vestros  cognatos  in 
carne,  ferro  et  flamma  aniplius  persequi  ne  velitis.  Quod 
hactenus  molestiarum  a  vobis  perpessi  sumus,  vobis  donantes, 
peccatis  nostris  imputabimus  et  correptionem  d  i  v  i  n  a  e  p  i  e- 
t  a  ti  s  appellabimus,  dum  posthac  i  n  i  u  r  i  a  r  u  m  de  vobis 
securi  esse  possimus." 

Er  fordert  die  Gegenpartei  auf,  doch  nachzuweisen,  daß 
Heinrich  „. .-.  iuste  possit  regnare  ..."  oder  ihnen  zu  ge- 
statten, klar  an  den  Tag  zu  legen,  daß  er  „. . .  iure  regnare 
non  possit  . . ." 

Während  Heinrich  nach  der  Rede  Ottos  von  Nordheim 
(p.  43  m.  Dissert.)  deshalb  seine  Krone  verheren  soll,  weil  er 
seinen  Pflichten  als  König  und  Lehnsherr  nicht  nachgekommen 
ist,  soll  nach  Gebhard  seine  Absetzung  nur  mit  Rücksicht  auf 
das  Seelenheil  der  Sachsen  erfolgen  „. . .  ostendemus,  quod  do- 
minum Heinricum  nee  clerici  nee  laici  regem  habere  possumus 
cum  animarum  nostrarum  salute." 


IV.  Die  Auffassung  in  den  Briefen. 


In  diesem  Abschnitt  will  ich  die  Ansichten  \ou  den  Ver- 
fassern der  Briefe  auf  ihre  Grundanschauungen  hin  prüfen 
und  mit  denen  Brunos  vergleichen,  um  zu  erkennen,  ob  oder 
inwieweit  unser  Autor  die  Ansichten  der  Sachsen  überhaupt 
vertritt,  nicht  nur  seine  persönlichen.  Für  die  Echtheit  der 
Briefe,  die  SmolkaO  als  nachträgliche  Einschiebsel  in  die 
Quelle  bezeichnet,  und  Martens"),  der  die  „Sachsenbriefe"  ais 
von  Bruno  geschaffene  Dokumente  vollständig  verwirft,  tritt 
Giesebrecht^)  ein.  Ihm  schließt  sich  Heidrich  an,  der  die  Briefe 
auf  ihre  Datierung  hin  untersucht  hat.  Es  besteht  jetzt  wohl 
kein  Zweifel  an  ihrer  Echtheit.  Über  ihre  chronologische  Be- 
stimmung handelt  außer  Heidrich  noch  May."^) 

Die  vier  ersten  Sendschreiben  sind  Bittbriefe  Werinhers 
von  Magdeburg,  und  var:  an  den  Erzbischof  Siegfried  von 
Mainz  (cap.  42),  an  Adalbert  von  Würzburg  und  Siegfried  von 
Mainz  (cap.  48,  49)  und  an  Friedrich  von  Münster  (cap.  51), 
daß  sie  für  die  Sache  der  Sachsen  beim  Könige  eintreten 
möchten.  In  diesen  Schreiben  offenbart  sich  ganz  und  gar 
augustinischer  Geist.  Wie  bei  Bruno,  so  finden  wir  auch  hier 
die  dualistisch-theokratische  Anschauung.  Werinher  und  die 
Magdeburger")  betrachten  sich  selbst  als  die  Kinder  Gottes, 
als  die  wahren  Verehrer  der  civitas  Dei  und  sehen  in  Hein- 
rich  nur   einen   Anhänger   des   Teufels,   einen   socius   diaboli. 


1)  Siiiulka,  loc.  cit.,  p.  30  sqq. 

2)  Martens,  loc.  cit.,  Bd.  II.  p.   160. 

3)  Giesebrecht,  loc.  cit.,  Bd.  III.  p.   1052, 

4)  Kurt  Heidrich,  Die  Datierung  der  Briefe  in  Brunos  Sachsenkrieg, 
Neues  Archiv  der  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichtskunde. 
Bd.  XXX,  p.   115  sqq.     Hannover  und  Leipzig  1905. 

•*)  May,  loc.  cit.,  p.  343  sqq. 

^)  cf.p.  51  m.  Dissert.  , 


49 


Denn  groß  und  zalilrcich  sind  die  Leiden,  die  sie  von 
ihm  erduldet  haben  „Multipiiccs  et  magnae  tribuiationes,  quae 
nos  nostris  peccatis  exigentibus  inremediabiliter  nisi  p  i  e  t  a  s 
d  i  V  i  n  a  subvenerit  affhgunt,  omnium  qui  vel  Deum  timent, 
vel  se  homines  esse  cognoscunt,  misericordiam  suppiiciter 
quaerere  nos  compellunt').  Den  Rat  der  Fürsten  hat  er  ver- 
achtet und  mit  Feuer  und  Schwert  ihr  Land  verwüstet,  „abiecto 
principum  suorum  consiha".-)  „Ut  enim  a  rege  nostro  cunctis- 
que  regni  principibus,  maximeque  ab  episcopis  nostris  con- 
fratribus,  igni  ferroque  terra  nostra  vastaretur,  quod  crimen 
iiostrum  tale  praecessit?"^)  Die  Kirchen  hat  er  der  Schändung 
preisgegeben:  „Vestra  ...  sapientia  dignetur  secum  pensare, 
cuius  vel  quanti  criminis  sit,  ecclesiarum  bona  vastare,  ipsas 
ecciesias  poiluere  vel  incendere  . .  ."*)  Sogar  die  Priester 
haben  jene  Freveltaten  schweigend  mit  angesehen,  „Quod  si 
soll  laici  in  illo  exercitu  fuissent,  forsitan  ecclesiis  et  eccle- 
siasticis  rebus  pepercissent.  Nunc  vero  quia  plurimi  sacer- 
dotes  aderant,  nulli  rei  sacrae  parcebant,  sed  ecciesias,  quas 
vel  ipsi  vel  fratres  eorum  consecraverant,  igne  nefario  suc- 
cendi   videbant,   nee   contradicebant.'"') 

Aber  Gott  hat  die  Seinen  nicht  verlassen;  „ad  tempus 
niisericordia  Dei  liberavit");  doch  Heinrich  hat  von  neuem 
den  Krieg  begonnen  „Postquam  . . .  t  e  m  p  e  s  t  a  t  e  tanta 
misericordia  Dei  sedata,  pacem  et  gratiam  suam  nobis 
rcddidit,  nihil  nos  scimus  contra,  cum  fecisse  unde  merito 
debeat  in  nos  recidiva  bella  movere. "0 

In  Werinhers  Augen  muß  er  daher  als  ein  rex  iniquus,  als 
ein  Kind  des  Teufels  gelten,  zumal  er  ihn  noch  ausdrücklich 
als  einen  „s  a  e  v  u  s  vastor'"")  bezeichnet  und  den  Erzbischof 
Sigefrid  davor  warnt,  sich  als  „instrumentum  sui  f  u  r  o  r  i  s 
(seil.  Heinrici)  benutzen  zu  lassen,  „ne,  dum  f  u  r  o  r  i  eius  mi- 


1)  Bruno,  cap.  42. 

2)  Bruno,  ibid. 

3)  Bruno,  cap.  51. 
')  Bruno,  cap.  49. 
•')  Bruno,  cap.  51. 
ß)  Bruno,  cap.  42. 
')  Bruno,  cap.  42. 
^)  Bruno,  cap.  51. 


K.  Nowafzki,  Brunos  l.iber  de  hello  Saxonieo. 


50 


nistratis,  vitae  vestrae  et  animae  periculum  inciirratis."*)  Die 
Sachsen,  die  „humiles  servi",  werden  unschuldig  verfolgt  „nos 
innocentes"-);  daher  soll  der  Erzbischof  aus  Liebe  zur  Gerech- 
tigkeit sich  ihrer  annehmen  und  seine  Barmherzigkeit  walten 

lassen  ad  almitatis  vestrae  m  i  s  e  r  i  c  o  r  d  i  a  m  confugi- 

nius,  h  u  m  i  1  i  t  e  r  orantes,  ut  pro  ipso  Dei  timore  causam 
nostram  i  u  s  t  e  pensetis,  et  si  i  u  s  t  a  fuerit  inventa,  m  i  s  e  - 
r  i  c  o  r  d  i  a  e  vestrae  nobis  auxilium  ipsius  amore  iusti- 
tiae,  quae  Christus  est,  tribuatis.^)  Den  Zorn  des  Kö- 
nigs „iram  domini"  soll  er  besänftigen,  damit  er  sie  nicht 
„f  u  r  o  r  e  b  e  1 1  i  c  o"  zur  Gefahr  seiner  eignen  Seele  „ad  peri- 
culum animae  suae"*)  (seil.  Heinrici)  vernichte.  Im  Kapitel  48 
appelliert  er  an  die  „misericordia"  der  Beschöfe  Sigefrid  und 
Adalbert  „. . .  ut  in  m  i  s  e  r  o  s  fratres  misericordiae  viscera 
misericorditer  habeatis."  „Itaque  quia  vobis  familiaritatem 
coram  domino  nostro  rege,  regis  coelestis  misericordia 
voluit  concedere  . . ." 

„. . .  Misericorditer  . . ."")  will  Werinher")  mit  Heinrich  ver- 
handeln, und  sie  sollen  nicht  dulden,  daß  er  unschuldig  verur- 
teilt werde  „Per  omnipotentis  . . .  Dei  clementiam  vos  rogo  — 
ut  in  me  vos  ipsos  considerare  dignemini,  et  me  non  solum 
in  nuUo  crimine  convictum,  sed  nee  de  uUo  crimine  com- 
pellatum,  condempnari  ne  patimini."')  Er  ist  sich  dessen 
bewußt,  daß  das  Herrscheramt  von  Gott  kommt  „. . .  ut 
recordetur  (seil.  Heinricus),  se  coelestis  regis  vicem  simul 
et  nomen  habere,  qui  dicit  se  misericordiam  magis 
velle  quam  sacrificium,  et  qui  venit  non  ut  iudicet  mundum  sed 
ut  salvetur  mundus  per  ipsum;  quatenus  dum  haec  recogitans 
eum,  cuius  est  membrum  etcuius  nomen  habet, 
actibus  studet  imitari,  mereatur  in  regno  coelesti  beatitudinis 


M  Bruno,  cap.  42. 

2)  Bruno,  ibid. 

3)  Bruno,  ibid. 
^)  Bruno,  ibid. 

•'')  Bruno,  cap.  48. 

'!)  Dieser  Brief  (c.  48)  unterscheidet  sich  dadurch  von  den  anderen, 
daß  Werinher  hier  vielfach  nur  für  sich  selbst  spricht,  dann  aber  am  Schluß 
wiederum  für  seine  Mitfürsten  das  Wort  ergreift:  mihi,  nieam  causam; 
nobis,  nos. 

')  Bruno,  cap.  49. 


51 


aeternac  gloria  coronari.'")  Daher  ..f  u  r  o  r  c  m  deponat"-) 
(seil.  Heinricus)  „Nulla  fuit  umquam  in  q  u  o  1  i  b  e  t  p  a  g  a  n  o 
tanta  crudeiitas,  ut  quos  sine  omni  periculo  vel  labore 
suae  dampnationis  subdere  potuisset,  non  sine  suo  suorum- 
que  periculo  sibi  subicere  vellet."*) 

Wiederholt  ruft  er  den  Bischöfen  zu,  daß  sie  Heinrich  an 
seine  königliche  Würde  und  an  sein  Seelenheil  erinnern  sollen, 
„Haec  igitur  cum  doniino  nostro  clementer  tractate,  et  ut  se 
regem  esse  recogitet  suadete,  et  unde  rex  sit  appellatus  edocete. 
Vestra  quoque  sapientia  dignetur  secum  pensare,  cuius  vel 
quanti  criminis  sit  ecclesiarum  bona  vastare,  ipsas  e  c  - 
clesias  polluere  vel  incendere;  et  si  ullum  vel  magnum 
crimen  esse  videatur,  in  hoc  vos  domino  nostro  fideles  esse 
probate,  ut  dum  eum  ab  i  n  i  u  s  t  o  revocatis,  eins  animam  ab 
incendio  gehennae  liberetis;  ne  dum  ille  externa  sanctorum 
bona  i  n  i  u  s  t  e  devastat,  i  n  t  e  r  n  i  s  b  o  n  i  s  sanctorum 
gratia  privatus,  iuste  carea  t."*)  Und  im  Kapitel  48 
heißt  es:  „.  . .  eique  ut  De  um  timeat,  populumque.  cui 
r  e  c  t  o  r  est  datus,  non  perdat  sed  custodiat,  suadete.  ut  et 
ille  si  vos  audierit,  et  vos  si  bene  suaseritis,  a  e  t  e  r  n  a  m 
m  e  r  c  e  d  e  m  recipiatis." 

Der  fünfte  Brief  cap.  59  ist  von  den  Magdeburgern  an  den 
lirzbischof  Udo  von  Trier  gerichtet  mit  der  Bitte,  Heinrich  mit 
Hilfe  der  göttlichen  Gnade  „divina  favente  c  1  e  m  e  n  t  i  a"  ver- 
anlassen zu  wollen,  ihren  Hirten  Werinher  aus  der  Haft  zu 
entlassen.  Sie  sehen  in  ihrem  Bischof  ein  Kind  Gottes;  denn 
nur  aus  Liebe  zur  ecclesia  hat  er  sich  Heinrichs  Gewalt  über- 
liefert „. . .  ipse  tenetur  i  n  n  o  c  e  n  s  captivus,  et  sola  suae 
Salus  e  c  c  1  e  s  i  a  e  fuit  ei  causa  traditionis  suae." 

Sie  danken  Udo  von  Trier  „eo  magis  . . .  quo  non  promeriti 
tanta  p  i  e  t  a  t  i  s  vcstrae  solatia  in  multis  nostris  tribulationibus 
accepimus"  und  „. . .  quia  . . .,  multa  vestrae  p  i  e  t  a  t  i  s  huma- 
nitate  fruitur"  (seil.  Wcrinherus).  „. . .  plurimas  plurime  referi- 
mus  gratias  vestrae  pietati,  quia  dum  haue  quac  maxime 
nos  affligcbat  curam  misericordia  vestra  mitigastis  . .  ."''*) 

1)  Bruno,  cap.  48. 

2)  Bruno,  ibid. 
■')  Bruno,  ibid. 

*)  Bruno,  cap.  49. 
'^)  Bruno,  cap.  .59. 


52 


Die  Verfasser  der  Sachse  nh  rief  e,0  die  an  den  Papst 
gerichtet  sind,  werden  von  Bruno  nicht  genannt.  Man  kann 
aber  ganz  sicher  annehmen,  daß  es  nur  Geistliche,  die  in  den 
Kanzleien  jener  Zeit  als  die  einzig  schreibkundigen  vertreten 
waren,  gewesen  sein  können.-) 

Auch  diese  Briefe  basieren  auf  augustinischer  Grundlage, 
und  die  Sachsen  erscheinen  in  ihnen  als  die  Vertreter  des 
Gottesstaates,  während  Heinrich  und  sein  Anhang  als  die  Teu- 
felskinder charakterisiert  werden. 

Als  „. . .  pars  iniqua  . . ."  (cap.  110)  „. . .  inimicos  Domini . . ." 
(cap.  HO)  „. . .  inimici  Christi"  werden  der  König  und  seine  An- 
hänger bezeichnet,  Schlagworte,  durch  die  sie  sogleich  zur 
civitas  diaboli  verurteilt  werden.  Einen  „Deo  odibilem"-')  nen- 
nen sie  Heinrich,  der  sanctae  Romanae  ecclesiae  edicta  sicut 
alia  multa  verachtet.*)  Von  Rudolf  aber,  dem  Vertreter  der 
civitas  Dei,  heißt  es:  „. . .  rex  noster  Rodulfus  fortis  in  eo  qui 
dat  salutem  regibus,  de  inimicis  Domini  potenter  trium- 
phavit,  Heinricus  autem  solito  more,  cum  suis  complicibus, 
praeter  eos  qui  in  gladio  cecideruut,  in  fugam  versus  est,  comite 
illo  et  participe  cuius  m  a  1  i  t  i  a  m  vos  in  bono  vincere  frustra 
temptastis,  Ruperto  scilicet  Babenbergense,  qui  horum  omnium 
auctor  et  incentor  est."^) 

In  Übereinstimmung  mit  Bruno  berichten  sie  dem  Papste, 
daß  er  die  Kirchen  beraubt  und  verbrannt  habe.  ..manum  in 
sancta  sanctorum  extendens,  ecclesiarum  Dei  publicus  Invasor 
effectus  est,  non  eo  quasi  modo,  quo  iam  ab  aliquibus  tyrannis 
praesumptum   esse   cognovimus,"")   im   Lande   der    Schwaben 

sind:    incendiis    ecclesiarum    et   altarium    destructionibus 

sacrilegia  innumerabilia  commissa  sunt."0 

Wie  Bruno,  so  heben  auch  sie  die  Simonie  des  Königs, 
die  er  im  ärgsten  Stil  betrieben  hat,  hervor.  Die  Bischöfe  hat 
er  aus  ihren  Bistümern  vertrieben  und  diese  unter  seine  An- 


1)  Über  die  Bchtheit  der  Briefe  cf.  p.  48  m.  Dissert. 

2)  cf.  Wattenbach,  Qeschichtschreiber,  loc.  cit.,  p.  18 

3)  Bruno,  cap.  110. 

4)  Bruno,  cap.  112. 

5)  Bruno,  cap.  110. 
*>)  Bruno,  cap.  112. 
■?)  Bruno,  ibid. 


53 


hänger  nach  Belieben  verteilt,  ,,ut  iniquitati  suae  vires  ammi- 
nistrarent,')  und  daher  ist  er  vom  Erzbischof  von  Mainz,  der 
sieben  von  den  vertriebenen  Bischöfen,  „quibus  eadem  i  n  - 
i  u  r  i  a  e  ratio  fuit"  (c.  112)  zu  sich  genommen  hat,  gebannt  wor- 
den „. ..  pro  defensione  ecclesiae  ...  tradidit 
(seil.  Heinricum)  sathanae  in  interitum  carnis  cum  universiß 
suis  complicibus."-) 

Die  Sachsen  rechnen  sich  zu  den  Gotteskindern,  indem  sie 
sagen  „. . .  non  in  verbis  mendacii  confidimus  liberari,  sed 
magis  credimus  quia  veritas  liberabit  nos,"^)  und  Gott  hat  sie 
auch  nicht  verlassen  ,.Deus,  qui  est  veritas,  qui  solus  laborem 
et  dolorem  considerat,  non  deseruit  sperantes  in  se,  sed  visi- 
tavit  nos  in  misericordia  et  miserationibus."*) 

Sie  vergleichen  sich  mit  den  Schafen  und  sehen  in  der 
Gegenpartei  die  Wölfe,  die  „apertis  morsibus  in  gregem  do- 
minicum  desaeviunt . . ."'')  und  im  Kapitel  108  lesen  wir:  „cum 
enim  per  obedientiam  pastoris  luporum  faucibus  expositi 
simus,  si  etiam  ab  ipso  pastore  nobis  cavendum  est,  misera- 
hiliores  sumus  omnibus  hominibus.  Deus  autem  omnipotens  in 
talem  zelum  vos  contra  inimicos  Christi  erigat,  quatenus  illa 
quam  in  vobis  posuimus  spes  nos  non  confundat."") 

Daher  rufen  sie  dem  Papste  zu:  „utinam  de  sua  sociorum- 
que  eius  flagitiosa  fallacia  adhuc  satis  edoctus  fuissetis;')  denn 

des  Königs  Ratgeber  familiäres   . . .   qui  ab  omni   regno 

infamia  notantur,  quique  illi  sicut  regi  serviendo  sinodalibus 
praeceptis  manifeste  inobedientes  sunt  et  una  cum 
suo  capite  per  legatum  apostolicum  ab  ecclesia  sancta  separati 
sunt  . . ."  werden  noch  hochfahrender,  wenn  sie  straflos  aus 
Rom  heimkehren  „et  ad  priorcm  inobedientiam  super- 
biendo    rcvertentes,   nostrae    m  i  s  e  r  i  a  e   insultant."*) 

Heinrich  und    seine  Anhänger    wünschen    eine  Entschei- 


1)  Bruno. 

cap. 

110. 

2)  Bruno. 

cap. 

112. 

3)  Bruno. 

cap. 

110. 

•)  Bruno, 

ibid. 

■>)  Bruno, 

cap, 

115. 

lium  Job.  10, 

12. 

«)  Bruno, 

cap. 

108. 

")  Bruno, 

cap. 

110. 

8)  Bruno, 

cap. 

108. 

Im  üblichen  Sinne  des  Gleichnisses  im  Hvange- 


—   54    — 

diing  ,.n  o  n  pro  iustitia  scd  pro  voluntate  ipsorum.'") 
Deshalb  fordern  die  Sachsen  den  Papst  „. . .  quae  (seil,  sedes 
apostoiica)  semper  iudicii  et  iustitiae  magistra  fuit/'-)  auf: 
„iustitiae  zelo  vos  accingatis  . .  ."^)  „.  . .  ecclesiae  tarnen  vestris 
temporibus  miserabihter  destructae  . . .  succurrite/)  damit  nicht 
„Pessimum  illud  fermentum  totam  massam   corrumpat."'^) 

Und  wenn  ihn  der  Schrecken  „t  e  r  r  o  r  viri  p  e  c  c  a  - 
t  0  r  i  s,  cuius  gloria  stercus  et  vermis  est"")  vom  rechten  Wege 
vertrieben,  so  soll  er  doch  dem  Blutvergießen  ein  Ende  be- 
reiten, „saltem  vestrae  innocentiae  in  tanti  sanguinis  effusione 
provideatis"')  und  „n  e  c  o  r  a  m  i  u  s  t  o  i  u  d  i  c  e  de  perditione 
nostra  excusationem  non  habeatis";")  denn  aus  der  Vertrös- 
tung der  Parteien  erwachsen  „bella  intestina  et  plus  quam  civi- 
lia,  homicidia  innumerabilia.  vastationes,  incendia,  sine  dif- 
ferentia  domus  et  ecclesiae,  oppressiones  pauperum  incom- 
parabiles,  rerum  ecclesiasticarum  direptiones  quales  numquam 
audivimus  aut  vidimus.  legum  quoque  divinarum  et  secularium 
defectus  sine  spe  reparationis."") 

Weil  sich  die  Sachsen  Gregor  VII.  gegenüber  als  „oboe- 
dientes"  zeigen  und  seinen  Anordnungen  Folge  leisten,  werden 
sie  von  Heinrich  verfolgt  „. . .  tantam  in  nobis  crudelitatem 
exercuit,'")  und  seine  Anhänger  suchen  sie  zur  inoboedientia 
zu  zwingen  .,Hi  (seil,  parasiti  Heinrici) ...  in  eos  insurrexerunt, 
qui  praeceptis  apostolicis  o  b  e  d  i  u  n  t,  ut  ad  i  n  o  b  e  d  i  e  n  - 
tiam  constringerent".")  Im  Kapitel  112  heißt  es:  „Conqueri- 
mur  . . .  super  iniuriis  et  violentiis,  quas  a  domno  Heinrico  passi 
sumus . . .,  non  ob  aliam  causam,  nisi  quod  sedi  apostolicae 
oboedientes  sumus".  „Non  latet . . .  quantas  vobis  o  b  e  - 
d  i  e  n  d  o  persecutiones  passi  sumus,  quomodo  aestimati  sunuis 


ij  Bruno,  cap.  110. 
2)  Bruno,  ibid. 
^)  Bruno,  ibid. 
•♦)  Bruno,  cap.  108. 
■')  Bruno,  cap.   1 1 2. 
*')  Bruno,  cap.  115. 
■•)  Bruno,  ibid. 
'*)  Bruno,  ibid. 
9)  Bruno,  cap.   108. 
10)  Bruno,  cap.  108. 
")  Bruno,  cap.  112. 


55 


sicut  oves  occisionis,  quoniodo  traditi  sumiis  in  fabulam  et  in 
iinproperium.'") 

Gebannt  wird  Heinrich  wie  sie  betonen  „neque  consilio 
nostro  nee  etiam  pro  causa  nostra,  sed  pro  illatis  s  e  d  i 
a  p  o  s  t  o  1  i  c  a  e  i  n  i  u  r  i  i  s  . .  ."■)  und  weil  er  sich  als  ein 
„incorrigibilis"  gezeigt  hat  „ipsum  muita  sedis  apostolicae 
monita  spern  entern,  semper  ex  correptione  deteriorem 
esse  probatum  est"'').  „Hcce  videtis,  quomodo  multiplicata 
sint  mala  in  terra,  mala  quorum  non  est  numerus  . .  /'^)  Eben- 
so im  Briefe  Kapitel  115:  „Igitur  vestra  illa  famosa  strennüitas, 
quae  iuxta  apostolum  semper  in  promptu  habuit  uicisci  omnem 
i  II  o  b  e  d  i  e  n  t  i  a  m.  quare  istam  non  ulciscitur?  Quare  istam 
dissimulat.  et  talem  quidem  inobedientiam  de  qua  mala 
inaudita  oriuntur,  mala  quorum  non  est  numerus?" 

Und  da  nun  der  Streit  mit  Heinrich  des  Papstes  wegen 
entstanden  ist  (Kap.  110),  so  soll  er  sie  beschützen  und  sie 
nicht  verlassen  „in  media  tempestate,  quam  pro  vobis  incur- 
rimus,  . . .  testis  est  super  nos  coelum  et  terra,  quia  i  n  i  u  s  t  e 
pcrditi  sumus."'')  „Ouicquid  enim  mali  patimur,  ab  illis  patimur 
quos  vos  prohibere  et  debetis  et  potestis."") 

Die  Uebereinstimmung  der  Anschauungsweise  Brunos  und 
der  Briefe  beruht  auf  der  Übereinstimmung  derselben  Grund- 
anschauung, die  wir  dargelegt  haben  und  nicht  etwa  auf  Iden- 
tität der  Verfasser.  Daß  dem  so  ist,  ersehen  wir,  abgesehen 
von  sonstigen  (iriinden,  daraus,  daß  wir  in  einem  wichtigen 
Punkte  auf  einen  Unterschied  zwischen  dem  Berichte  Brunos 
und  dem  in  den  Briefen  der  Sachsen  stoßen.  Während  diese, 
wie  wir  eben  gesehen  haben,  behaupten,  sich  nur  um  des 
Papstes  willen  gegen  Heinrich  erhoben  zu  haben  —  denn  sie 
wollen  den  Papst  bei  ihrer  Sache  festhalten  —  gibt  ihnen 
Bruno,  der  nicht  besonders  romfreundlich^)  ist,  von  vornher- 
ein das  Recht,  gegen  den   Tyrannen  die  Waffen  zu  ergreifen. 


•)  Bruno,  cap.  115. 

2)  Bruno,  cap.  108. 

3)  Bruno,  cap.  1 12. 
*)  Bruno,  cap.  1 10. 
■')  Bruno,  cap.  1 14. 
ß)  Bruno,  cap.  1 15. 

■)  cf.  p.  26  m.  Dissert. 


—   56  — 

Hr  sieht  in  ihm,  wie  wir  wissen,  von  vornherein  den  rex 
iniquus,  der  scelera  anf  scelera  häuft,  und  ein  solcher  muß 
bekämpft  werden.  Die  KonfHkte  des  Papstes  mit  Heinrich 
sind  bei  Bruno  selber  nur  als  ein  neuer  Abschnitt  in  dem  alten 
Kampfe  betrachtet');  denn  durch  den  Bann  Gregors  VII.  fühlen 
sie  sich  nur  zu  neuem  Vorgehen  gegen  den  Teufelsfürsten 
ermutigt. 


1)  cf.  Wattenbach,   Qeschichtschreiber,   loc.   cit.,   Einleitung,    p.  XVI. 


Schluß. 


Ziehen  wir  kurz  das  Fazit  aus  unserer  Untersuchung  von 
Brunos  Werk!  Wir  sehen,  daß  der  Autor  seine  Umgebung 
oder,  besser  gesagt,  die  Welt  im  Spiegel  der  augustinisch- 
eschatologischen  Ideen  gesehen  hat.  Gottes-  und  Teufelsstaat 
stehen  sich  gegenüber.  Wer  es  mit  den  Sachsen  hält,  der 
kämpft  für  die  gottgerechte  Sache,  ihre  Feinde  dagegen  sind 
Werkzeuge  und  Diener  des  Satans,  die  auf  alle  Weise  und 
mit  allen  Mitteln  die  civitas  Dei  zu  bekämpfen  suchen  und 
zu  allen  Schandtaten  fähig  sind.  Eine  Verkennung  der  Grund- 
anschauungen ist  es  demnach,  wenn  Giesebrecht  Bruno  be- 
schuldigt, daß  er  „die  schmutzigen  Anekdoten,  die  in  Sachsen 
von  Heinrichs  erbittertsten  Gegnern  verbreitet  wurden,  mit 
sichtlichem  Vergnügen  nacherzählt  und  dieselben  noch  durch 
drastische  Züge  aufputzt,'")  und  wenn  Martens  sagt.  „Bruno 
ist  ein  Lügner  ersten  Ranges".-')  Denn  sieht  einmal  ein  mittel- 
alterlicher Autor  wie  Bruno,  in  einer  Partei  die  Teufelskinder, 
so  traut  er  ihnen  alles  mögliche  zu  und  malt  sie  in  den  dun- 
kelsten Farben,  während  er  auf  die  Anhänger  der  Gegenpartei 
nicht  genug  Licht  werfen  kann,  um  sie  ganz  deutlich  als 
Gotteskinder  hervortreten  zu  lassen.^)  Die  objektive  Wahr- 
heit wird  durch  diese  Auffassung  freilich  auch  stark  beein- 
trächtigt, doch  nicht  absichtlich  aus  blindem  Hasse  oder  in 
bewußter  Parteiabsicht  entstellt  und  gefälscht.  —  Das  bedeutet 
einen  nicht  unwesentlichen  Unterschied  in  der  Beurteilung  des 
Autors  und  seines  Werkes. 


')  Qiesebrechl.  loc.  cit.  Bd.  III.  p.  1050. 

'-'I  cf.  Einleitung,  m.  dissert. 

■')  Bernheini,  Politische  Begriffe  des  Mittelalters  loc.  cit. 


Lebenslauf. 


Ich,  Karl  Severiiius  Nowatzki,  kath.  Konfession  und  preußischer 
Staatsangehörigkeit,  wurde  am  7.  Januar  1892  in  Sarben,  (Kreis  Czarnikau 
Prov.  Posen)  als  Sohn  des  verstorbenen  Landwirts  Franz  Nowatzki  und 
seiner  verstorbenen  Ehefrau  Albina,  geb.  Jany,  geboren.  Ich  besuchte 
zunächst  die  Volksschule  meines  Geburtsortes  und  dann  9  Jahre  das 
Königliche  Gymnasium  zu  Wongrowitz,  wo  ich  Ostern  1913  die  Reife- 
prüfung bestand. 

Als  Student  widmete  ich  mich  dem  Studium  der  Geschichte,  der 
Germanistik  und  der  Geographie  in  Breslau  (S.  S.  1913  — W.  S.  1913/14), 
dem  Studium  der  Theologie  in  Posen  (Theologisches  Konvikt)  S.  S.  1914 — 
W.  S.  1915/16  und  dem  Studium  der  Philologie  in  Posen  (Kgi.  Akademie) 
S.  S.  1914.  Zu  Beginn  des  Krieges  wurde  ich  zum  Heeresdienst  einge- 
zogen. Nach  meiner  Entlassung  nahm  ich  das  Studium  der  Geschichte, 
c^er  Germanistik  und  Geographie  in  Greifswald  wieder  auf  (seit  S.  S.  1916) 
Meine  akademischen  Lehrer  waren  die  Herren  Professoren  und 
Dozenten: 
in  Breslau : 

Andreae,  Baumgartner,  Cichorius,  Drescher,  Kabitz,  Karge,  Kautsch, 

Koch,  Lachmann,  Lenz,  Patzak,  Renz,  Sachs,  Supan,  vonWenckstern, 

Ziekursch. 
in  Posen: 

Hozakowski,  Klopschf,  Prümers,  Steuer,  Zwoiski. 
in  Greifs wald: 

Bernheim,  Ehrismann,  Geizer,  Glagau,  Kretschmer,  Milch,  Pietsch 

Rehmke. 
Ihnen  allen  schulde  ich  ehrerbietigen  Dank,  ganz  besonders  Herrn 
Geh.  Regierungsrat  Professor  Dr.  Bernheim,  der  mich  jederzeit  aufs  be- 
reitwilligste bei  der  Anfertigung  der  Arbeit  unterstützte.